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Kultur Klänge dominieren Ausstellung „Returning“ von Susan Philipsz
Weltgeschehen Kultur Klänge dominieren Ausstellung „Returning“ von Susan Philipsz
16:11 22.12.2016
Hannover

Alles, was hier mit Sound zu tun hat, ist direkt für die Schau konzipiert worden. Philipsz, die seit 15 Jahren in Berlin lebt und 2010 den äußerst prestigeträchtigen Turner-Preis gewonnen hat, stieß bei ihren Recherchen vor Ort auf mannigfache Gegebenheiten, die ihr besonderes Interesse weckten.

Etwa auf eine historische Synagogenorgel in der hannoverschen Villa Seligmann, deren Klänge sie für eine 6-Kanal-Installation einsetzte. Die minimalistische Wirkung der auf Einzeltöne reduzierten Komposition wird dadurch noch verstärkt, dass sich die Lautsprecher gerade im riesigen Langsaal des Kunstvereins befinden. Das meditative Moment wird immer wieder gebrochen, weil Philipsz, stets fasziniert von der physischen Seite der Klangerzeugung, hier Blasebälge eingesetzt hat – das Knarzen und andere Nebengeräusche sind unüberhörbar.

Nicht zuletzt schwingt dabei das Motiv des Vergangenen, Zerstörten mit, ebenso in einer Serie über im Krieg beschädigte Musikinstrumente. Für den neuesten Beitrag wurde die Künstlerin in einer Sammlung der Universität Hildesheim fündig, wo sie ein Schofarhorn entdeckte, einst von einer jüdischen Familie vor der Flucht unter einem Kohlenhaufen versteckt. Ein Foto zeigt das arg zusammengepresste Instrument, dem ein fachkundiger Musiker gleichwohl noch Töne zu entlocken vermochte – die erschallen durchdringend aus einem Megaphon.

Vergangen könnte nach jetzigem Stand der Dinge demnächst leider auch die traditionsreiche Tonträger-Produktion in Hannover sein. Susan Philipsz hat zu ihrer Überraschung erfahren, dass der Siegeszug von Emil Berliners Schallplatte einst hier seinen Anfang nahm. Das inspirierte sie zu einer Plattenspieler-Installation, die auf John Dowlands Komposition „Lachrimae or Seven Tears“ von 1604 beruht. Auch hier sehr reduzierte Klänge, auch hier ein sehr reduziertes visuelles Setting, angereichert nur durch eine Wandarbeit, deren abstrakte Muster durch die Einwirkung von Salz entstanden sind, Salz, wie es sich eben auch in Tränen findet.

Da der Hintergrund der Sound-Installationen sich nicht von selbst erklärt, hat der Besucher zwei Möglichkeiten. Entweder er pfeift auf die entsprechenden Infos und gibt sich unbelastet von jeder Theorie den Klangwelten hin, oder er liest die Beschriftungen, muss sich dann allerdings auf recht ausführliche Lektüre gefasst machen. Wie auch immer, wer genug gehört hat, bekommt auch etwas zu sehen: Fotoarbeiten und ein Film-Loop über Besucher des Karl-Liebknecht-Denkmals im Berliner Tiergarten runden die Schau ab.

Von Jörg Worat