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Kultur Klangliche Beweglichkeit und berührende Ausdruckstiefe
Weltgeschehen Kultur Klangliche Beweglichkeit und berührende Ausdruckstiefe
11:10 31.07.2014
Der Singkreis der Müdener - Kirchengemeinde trug ausgewählte Psalmvertonungen vor. Quelle: Alex Sorokin
Müden (Aller)

MÜDEN. Unter der Leitung von Bettina Nickel, die auch durch das Programm führte, trug der Singkreis der Kirchengemeinde ausgewählte Psalmvertonungen vor und bot damit auch Vergleichsmöglichkeiten zwischen den unterschiedlichen Kompositionsweisen vom Barock bis zum „Fin de siècle“. Allein vom Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) gibt es über 35 Vertonungen, von denen zwei ins Programm genommen wurden. Diese sowie Vertonungen der Psalmen 103 („Lobe den Herrn, meine Seele“), 146 („Du meine Seele singe“) und 150 („Alles was Odem hat, lobe den Herrn“) gehörten zu den populärsten Programmteilen dieses Konzertes, dessen Stimmungsbilder den Texten entsprechend immer wieder wechselten. Hier die Sehnsucht des Betenden nach Schutz und Geborgenheit, wie sie etwa von Mendelssohn im Psalm 55 (und später auch in seinem Elias-Oratorium) vertont wurde. Dort Zuversicht und Hoffnung wie im Psalm 23 oder in Worte gefasste Dankbarkeit wie im Psalm 103.

Die Faszination, Psalmen musikalisch anspruchsvoll aufzuführen und – wie es der Singkreis mit einem weit ausholenden „Halleluja“ am Ende des Psalms 36 („Herr, deine Güte reicht so weit“) demonstrierte – im Gottesdienst zu musikalisch-prachtvoller Entfaltung zu bringen, blickt auf eine weit mehr als tausendjährige Tradition zurück, eine Faszination, die auf die besondere poetische Sprache des Psalters und der religiös-spirituellen Erlebniswelten seiner insgesamt 150 Psalmen zurückgeführt wird. Eine solche Welt tat sich dem Müdener Publikum vor allem dort auf, wo der Komponist den Psalmentext in seiner religiösen Tiefe auszuloten und der Inspiration des Textes kompositorisch zu folgen wusste, wo er also einen Psalm nicht nur zu vertonen, sondern auch in Musik auszudeuten verstand. Denn der Singkreis machte die Unterschiede zwischen purer Deklamation und stimmlicher Dramatik eindrucksvoll deutlich, in lyrisch-tonalen Partien wie im Psalm 23, aber auch bei der Interpretation von Mendelssohns klanglich kühnem Spätwerk (Psalm 55). So erlebte das begeisterte Publikum ein Konzert, in dessen Verlauf sich der Chor nicht nur durch stilistische und klangliche Beweglichkeit auszeichnete, sondern auch durch eine intensive, berührende Ausdruckstiefe.

Von Rolf-Dieter Diehl