Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Kultur Kompromissloser Körpereinsatz bis zum Schluss
Weltgeschehen Kultur Kompromissloser Körpereinsatz bis zum Schluss
11:43 08.09.2016
Ein Ensemble der israelischen Gruppe „L-E-V“ zeigte in Hannover das Stück „OCD Love“ von Sharon Eyal undGai Behar. Quelle: Regina Brocke
Hannover

Wer unter solchen Tics leidet, hat es meist schwerer, Beziehungen aufzubauen. Folgerichtig führen Choreographin Sharon Eyal und ihr Partner Gai Behar das sechsköpfige Ensemble nur selten wirklich zusammen, mit Störelementen ist immer zu rechnen. So wandert die Truppe gegen Ende Richtung Hinterbühne, und nur ein einziger Akteur dreht das Gesicht zum Publikum, was ein anderer umgehend zu „korrigieren“ versucht.

Bewegungen, die nicht dem klassischen Tanzvokabular entspringen, gibt es ohnehin oft. Fast schmerzhaft mutet es an, wenn da wieder einmal jemand derart ins Hohlkreuz fällt, dass der Körper aussieht wie ein gespannter Flitzebogen. Und auch das seitliche Ausscheren der Beine zum staksig-manischen Pendeln sieht eigenartig aus. Offensichtlich hat eine aus Israel stammende Methode mit dem schönen Namen „Gaga“ ihre Spuren in dieser Choreographie hinterlassen – weniger ein Tanzstil mit festgelegten Formen, sondern eher ein Weg zum intuitiven Erspüren innerer körperlicher und somit auch geistiger Zustände.

Zumindest im ersten Teil hat das Stück eine beeindruckende Dramaturgie. Es beginnt mit einem etwas gedankenverloren wirkenden Solo, das genau um die entscheidenden Sekunden zu lang ist und so die ersten Irritationen hervorruft. Die Musik, von Ori Lichtik live unter Einsatz von vielerlei Elektronik erzeugt, hält sich noch zurück, schichtet Synthie-Akkorde über ein durchgehendes Ticken. Später zieht Lichtik alle Register, massive Perkussionsklänge kommen zum Einsatz. Und wenn es auch nie brüllend laut wird, zerrt die Dröhnkulisse irgendwann doch an den Nerven, zumal melodische Elemente im Verlauf der einstündigen Performance kaum wirklich eine Chance haben.

Ein Stück wie dieses darf man nicht mit halber Kraft interpretieren, aber diesbezüglich besteht bei „L-E-V“ ohnehin keine Gefahr: Kompromissloser Körpereinsatz ist ein Markenzeichen dieser Gruppe. Von daher verwundert es wenig, dass der Schlussapplaus heftig ausfällt und sich einzelne Besucher zu Ovationen im Stehen erheben.

Von Jörg Worat