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Kultur Konzert mit starken Kontrasten
Weltgeschehen Kultur Konzert mit starken Kontrasten
13:38 10.06.2016
Hannover

Dem Auftritt entsprach das Spiel: Wer gerne einen Derwisch über die Tasten toben sieht, ist bei Ax an der falschen Adresse. Was nicht bedeutet, dass es der US-Amerikaner an Aufmerksamkeit hätte fehlen lassen – in seiner dezenten Art vollzog er die Musik sehr wohl körperlich nach und suchte wiederholt den Blickkontakt zu Dirigent Andrew Manze.

Francks Stück zeichnet sich durch Facettenreichtum aus, ist mal tiefsinnig, mal spannungsreich, mal flott. Ax bediente diese Stimmungen fast durchweg einleuchtend, kippte allerdings punktuell ins Ungefähre, was bei dieser nur viertelstündigen Komposition sofort ins Gewicht fällt. In positivem Sinne bestach der Pianist mit einem ausgezeichneten Gespür für das rechte Maß: Da wirkte nichts überinterpretiert, kein affektierter Anschlag trübte den Klang.

Wie angesichts solchen Understatements zu erwarten war, nahm der Applaus keine frenetischen Formen an. Eine Zugabe sprang trotzdem heraus, originellerweise eine gemeinsame mit dem Orchester, und sie wurde fast beeindruckender als der Hauptprogrammpunkt: Den zweiten Satz aus Mozarts Klavierkonzert KV 449 erlebt man selten derart elegant und kompakt zugleich. Witzig übrigens zu sehen, dass Ax und Manze die Verbeugungsrituale eher am Rande absolvierten und sich lieber angeregten Gesprächen widmeten.

Anton Bruckner neutral gegenüber zu stehen, ist schwer möglich – man mag ihn oder eben nicht. Wenn Letzteres der Fall ist, stellt die 5. Symphonie eine besondere Geduldsprobe dar, sprengt sie doch mit 75 Minuten das übliche Zeitmaß. Nach der typischen Manier des Komponisten stehen zudem immer wieder Motivblöcke, gern solche unterschiedlichen Charakters, mehr oder minder schroff nebeneinander.

Dirigent Manze versuchte diese abrupten Wechsel keineswegs aufzuhübschen, arbeitete vor allem zu Beginn die dynamischen Kontraste voll heraus. Das hohle Getöse ist allerdings seine Sache nicht – es wurde zwar streckenweise laut, aber nie lärmig. Überhaupt verriet der Blick auf Manzes Hände, dass er jederzeit die Details dieser speziellen Musik auszudifferenzieren gedachte. Ein paar große Momente gab es fraglos, vor allem im 3. Satz mit seinen packenden Zuspitzungen.

Herzlicher Applaus mit einigen Bravos, und Gewinner des Abends schien nach dem Applausometer neben Andrew Manze der Hornist zu sein.

Von Jörg Worat