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Kultur Kunst beginnt in Hannover schon vor dem Haus
Weltgeschehen Kultur Kunst beginnt in Hannover schon vor dem Haus
11:23 16.06.2017
Daniel Knorrs „Bonhomme“ sorgt bereits vor der Kestnergesellschaft für Aufsehen. - Im Foyer zeigen die „lonelyfingers“ Handabdrücke von Künstlern. Quelle: Raimund Zakowski / Anne Pöhlmann
Hannover

Dort beginnt die Schau schon vor dem Haus. Im Außenraum hat Daniel Knorr, der auch auf der „documenta“ vertreten ist, einen seiner bekannten Schneemann-Archetypen aufgebaut – dieser Figur werden auch hochsommerliche Temperaturen nichts anhaben können, weil sie aus Steinen besteht. Knorr versteht dieses Symbol als Hinweis auf den Klimawandel.

Auch nach Betreten der Kestnergesellschaft wird man umgehend mit Kunst konfrontiert. Im Foyer hat das Duo „lonelyfingers“, bestehend aus Anne Pöhlmann und dem gebürtigen Kubaner Diango Hernández, Textilien an die Wände gehängt, auf denen Handabdrücke von Künstlern zu sehen sind – eine subtile Kennzeichnung von Individualität, gelten Hände doch als Ausdrucksträger des Körpers.

Ein immer wiederkehrendes Merkmal bei „Made in Germany Drei“ ist die ortsbezogene Arbeit. Beim Hannoveraner Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner gehört das ohnehin zum Prinzip; hier haben sie unter anderem ein kleines Loch in den Boden gebohrt, das die Besucher zum Niederknien zwingt. Grundlagenforschung im wahrsten Sinn – kleiner Tipp: Das Ausstellungshaus war früher ein Schwimmbad. Wenn wir schon beim Wasser sind: Katinka Bock hat sich besonders für die Geschichte des hannoverschen Maschsees interessiert, der in den 30er Jahren als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der NSDAP entstanden ist. Die Künstlerin abstrahiert unter anderem die dort aufgestellten Plastiken und hat ihrerseits einen Bronzefisch auf den Grund des Sees versenkt.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Ausgaben des Ausstellungsprojekts präsentieren die Kuratoren diesmal in jedem Haus auch eine bereits etablierte Position, möglichst eine einflussreiche. Das kann man von Starfotograf Thomas Ruff sicherlich sagen, der gern die klassischen Zuschreibungen seines Mediums hinterfragt. In der Kestnergesellschaft zeigt er großformatige Weiterentwicklungen der klassischen Fotogramme, die ohne Kamera durch direktes Auflegen von Objekten auf Fotopapier entstehen. Ruff setzt massiv Computertechnik ein, um Werke zu erzeugen, die mit der traditionellen Aufgabe des „Abbildens“ nichts mehr zu tun haben.

Und wer Mut hat, lässt sich im Obergeschoss auf den Sitzmöbeln neben den fiesen Figuren von Veit Laurent Kurz nieder – der Künstler hat mit seiner geräumigen Installation, zu der auch zwischen den Bodenbrettern sprießende Pflänzchen gehören, eine beeindruckende Welt zwischen Natur und Künstlichkeit geschaffen.

Von Jörg Worat