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Kultur „Made in Germany“ gibt Einblicke in rätselhafte Installationen
Weltgeschehen Kultur „Made in Germany“ gibt Einblicke in rätselhafte Installationen
14:33 06.06.2017
Hannover

So hat der Berliner Julius von Bismarck je zwei Bürostühle und -tische von ihrem angestammten Platz im Verwaltungstrakt entfernt, beim Eingang der Wechselausstellungshalle unter die Decke gehängt und mittels einer Drehkonstruktion in Bewegung versetzt. Schön wär’s, wenn Bürokratie immer so beschwingt daherkommen würde. Unweit davon schweben fünf leibhaftige Orgelpfeifen im Raum: Das Künstlerkollektiv „Das Numen“ hat die Tonerzeuger mit einem Computerprogramm kombiniert, das Daten aus zwanzig weltweit verteilten Wetterstationen aufzeichnet und in Ventilsteuerungen umrechnet. Je windiger, je lauter – die Globalisierung bekommt man kaum einmal unmittelbarer vor Augen und vor allem Ohren geführt.

Von allen vier „Numen“-Mitgliedern sind zudem Extra-Arbeiten vertreten, die ebenfalls durchweg mit Naturphänomenen zu tun haben. In der „Blue Box“, der Videokammer des Sprengel Museums, zeigt Andreas Greiner faszinierend fremdartige Nahaufnahmen von der Haut eines Tintenfischs; der Komponist Tyler Friedman hat eine passende Musik dazu geschrieben. Die grünlich schimmernden Großfotografien des Kollegen Markus Hoffmann entwickeln eine hohe ästhetische Qualität, jedoch dürfte dem Betrachter etwas anders zumute werden, sobald er erfährt, dass sie durch die Auflage von radioaktiven Erzen und deren Direkteinstrahlung auf das Papier entstanden sind.

Überhaupt gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten, die ohne Hintergrundwissen rätselhaft bis unverständlich bleiben werden. In der Einblickshalle etwa das 14 Meter breite Flechtwerk der multinationalen Künstlerin Kasia Fudakowski, die britisch-polnische Wurzeln hat, in Berlin lebt und auch schon mal in der florentinischen Villa Romana wirkt: Aus der Farbe des verwendeten Rohrs kann man schließen, ob Fudakowski beim entsprechenden Abschnitt selbst zugange war oder die Arbeit Freunden überlassen hat. Ein pinkfarbener Abschnitt ist während der Geburtstagsfeier der Künstlerin entstanden, die zudem auf einem Tablett Arbeitsfortschritte, Zweifel und andere Befindlichkeiten dokumentiert – da das Motto der Ausstellung „Produktion“ lautet, thematisieren nicht wenige Exponate den künstlerischen Entwicklungsprozess als solchen.

Eine besonders schöne Installation wartet am Schluss der Rundgangs: Der gebürtige Grieche Yorgos Sapountzis mochte sich mit der üblichen Präsentation von Skulpturen nicht anfreunden und hat daher Werke aus den Museumsbeständen auf einer Bühnenkonstruktion zwischen farbige, mit Fotografien bedruckte Stoffe platziert. Derart lebendig sind die Plastiken von Laurens, Hoetger oder Hrdlicka bislang wohl kaum einmal zur Geltung gekommen.

Von Jörg Worat