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Kultur Monolog mit Idealbesetzung - Walter Sittler spielt: Als ich ein kleiner Junge war in Hannover
Weltgeschehen Kultur Monolog mit Idealbesetzung - Walter Sittler spielt: Als ich ein kleiner Junge war in Hannover
17:12 04.12.2013
Walter Sittler bot seinem Publikum einen - wunderbaren Abend mit Erich Kästners „Als ich ein kleiner Junge war“ Quelle: Jennifer Sittler
Hannover

„Als ich ein kleiner Junge war“, so heißt der autobiografische Roman des so arg unterschätzten Autors Erich Kästner. Wer heute dessen Werke liest, insbesondere auch diejenigen, die man nicht sogleich als Jugendliteratur in eine ihre wahren Qualitäten versteckende Kiste gepackt hat, der kann einzigartige Sprach- und Literaturkunstwerke entdecken. Dabei ist nicht nur an den Gedichtzyklus „13 Monate“ zu denken, dessen Vertonung durch Edmund Nick man vor einigen Jahren im Winser „Cafe nebenan“ erleben konnte, sondern auch an diesen Roman, der von vielen Kennern als verkanntes Meisterwerk der Literatur angesehen wird.

„Kästner hasst den Schwulst, die klingende Phrase. Er verachtet alle, die durch undeutliche Gedanken und unsaubere Sprache eine falsche Tiefe vortäuschen.“ So hat es schon vor über einem halben Jahrhundert Hermann Kesten geschrieben. Wer einmal den sogenannten „Inszenierten Monolog“ dieses autobiografischen Romans mit Walter Sittler erleben konnte, der wird die Worte Kestens bestens nachvollziehen können. Im Schauspielhaus Hannover war das dieser Tage zu erleben. Und es war ein zweites großes Kastner-Erlebnis nach „Das Kleinmaleins des Seins“ im Dezember vorigen Jahres.

Sittler ist in seiner von Understatement geprägten Art des szenischen Spiels eine Idealbesetzung für die Verkörperung der gleichermaßen historischen wie literarischen Figur Kästner. Er trifft den Kästner-Ton, als ob es das eine schauspielerische Kleinigkeit ist. Sittler hat Zwischentöne, die es ihm ermöglichen mit einer minimalen Hebung der Stimme den Sinn des Gesagten infrage zu stellen, zu bestätigen oder zu ironisieren. Da merkt man, dass er nicht zur Generation und Art derjenigen Bühnenschauspieler gehört, die gerne aus jedem Ton ein Drama machen, wie das heute genauso verbreitet ist wie das platte Gegenteil, das schnoddrige Daherreden auf der Bühne.

Es ist schon erstaunlich, dass man diesem inzwischen durch seine große Fernsehpräsenz äußerst beliebten Schauspieler noch heute anmerkt, dass er in der ersten Zeit seiner Karriere in Mannheim und Stuttgart oft mit dem so genau mit der Sprache umgehenden Regisseur Jürgen Bosse gearbeitet hat, der genau den heute von Sittler gespielten Stil seinen Schauspielern zu vermitteln suchte. Sittler ist aber natürlich keineswegs in seiner Entwicklung stehengeblieben. Nein, er hat daraus etwas ganz Eigenes gemacht. Und wenn dereinst einmal gefragt werden wird, wer denn für die Wiederentdeckung des vergessenen Romanciers Kästner besondere Verdienste hat, so wird sein Name wohl zuerst genannt werden. Und vielen Zuhörern wie Zusehern wird er bis dahin noch unvergessliche Stunden bereitet haben. Dass die musikalisch Ausgestaltung des Abends manchmal ein wenig arg illustrativ ausfällt, dass es schade ist, Sittlers Stimme immer nur übers Mikrofon zu hören, das alles ist zweitrangig. Es bleibt die Erinnerung an einen wunderbaren Abend, auf dessen Fortsetzung man sich freuen darf. Warum eigentlich nicht mal in Celle?

Von Reinald Hanke