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Kultur Müdener Kirchenorgel präsentiert sich bem 150. Geburtstag in bester Laune
Weltgeschehen Kultur Müdener Kirchenorgel präsentiert sich bem 150. Geburtstag in bester Laune
16:27 17.07.2014
Der Soltauer Kreiskantor Mathias Hartmann spielte beim Jubiläumsabend - die 150 Jahre alte Müdener Kirchenorgel in der St. Laurentius-Kirche. Quelle: Alex Sorokin
Müden (Aller)

MÜDEN. Organisten kann man in unseren Kirchen nur selten bei ihrem virtuosen Spiel zuschauen – sie sitzen auf der Empore und spielen quasi unsichtbar im Rücken des Publikums. Doch wer selbst schon einmal an einer Orgel gesessen hat, kann nachempfinden, was in solchen Momenten in den Interpreten vorgeht, mit dem Blick auf die Manuale und Register, über sich die mächtigen Pfeifen, der erste zögerliche Griff in die Tasten, dann ein mächtiges Rauschen, das die Seele emporzuheben scheint und sie eintauchen lässt in die schier grenzenlose Klangwelt der Orgel. Diesen Genuss erlebten die Zuhörer des Jubiläumskonzertes zum 150-jährigen Orgeljubiläum am Mittwoch in der Müdener St. Laurentius-Kirche, wo sie dem konzertierenden Soltauer Kreiskantor Mathias Hartmann auf der Orgelempore bei seinem Spiel nicht nur zuhören, sondern auch zusehen konnten.

„Es gibt sicherlich größere, schönere, berühmtere und auch viel ältere Orgeln auf der Welt als unsere Meyer-Orgel von 1864“, räumt Konrad Gebhardt, langjähriger Organist der Kirchengemeinde, ein. Aber – das ist ihm im Gespräch unschwer anzumerken – das mindert seinen Stolz auf „seine“ Orgel nicht im Geringsten. „Wenn sie ein Mensch wäre“, schreibt er im Vorwort der Jubiläumsfestschrift, wäre sie „jetzt in den besten Jahren, leistungsfähig, gesund, ohne Atemnot, noch ohne Rheuma und immer bei bester Laune.“

Dass die vergleichsweise unscheinbar wirkende Orgel allerdings derart leistungsfähig ist, verdankt sie nicht zuletzt dem rührigen Tüftler Konrad Gebhardt, der vor zwölf Jahren damit begonnen hatte, sie Schritt für Schritt zu „midifizieren“: Durch Verknüpfung der mechanischen Orgeltasten mit elektronischen Instrumental-Bauteilen und Soundmodulen hat er die Klangvielfalt von ursprünglich 17 Pfeifenregistern mittlerweile auf mehr als das Zehnfache erweitert, ohne die Orgel selbst zu verändern.

Die zusätzlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Gebhardt dem Instrument damit verliehen hat, wusste Mathias Hartmann auf mitreißende Weise zu nutzen. Bei ausgewählten Stücken von Tonschöpfern aus fünf Jahrhunderten, von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) bis zu zeitgenössischen Komponisten, machte er nicht nur die musikalische Spannbreite von meditativ wirkenden Passagen bis zu mächtigen Tutti-Klängen erlebbar, sondern durch variationsreiche Register-Mischungen auch die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu nutzte er neben „Orgel-Dauerbrennern“ wie Bachs feurig-brillanter Toccata und Fuge in d-Moll auch Raritäten wie Arvo Pärts seelentiefe „Pari intervalli“ und moderne Bearbeitungen wie das beschwingte „Danke-Swingfüglein“ des Zeitgenossen Matthias Nagel und zeigte den begeisterten Zuhörern, dass sich die Königin der Instrumente auch ausgezeichnet dazu eignet, Barock im Jazzgewand zu präsentieren.

Von Rolf-Dieter Diehl