Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Kultur Musikalische Lesung mit Klaus Maria Brandauer
Weltgeschehen Kultur Musikalische Lesung mit Klaus Maria Brandauer
15:44 05.10.2016
Hannover

Der literarische Reigen begann und endete mit Goethe, von den „schwankenden Gestalten“ ging die Reise bis zu Fausts Selbstbezichtigung als „armer Tor“. Dazwischen gab’s reichlich Reflexionen über das Menschliche, das Göttliche und das Teuflische, über Wissensdurst und Wissenswahn. Der „Erlkönig“ hatte seinen geisterhaften Auftritt, und mit der Faust-Figur haben sich ja auch andere Autoren befasst, etwa Heinrich Heine oder Thomas Mann, der sich in diesem Zusammenhang Gedanken über Deutschland machte.

Hans Magnus Enzensberger behandelte die Frage, ob technischer Fortschritt immer mit menschlichem gleichzusetzen ist. Zweifelhaft, wenn man etwa die Erinnerungen eines vierjährigen Kindes an den Atombombenabwurf in Hiroshima hört. Nicht minder schrecklich klingt Ilse Webers „Theresienstädter Kinderreim“: „Ri-ra-rutsch, wir fahren in der Leichenkutsch …“

Brandauer saß bei alledem an einem Tischchen, verzichtete auf große Gesten und sprachlichen Theaterdonner. Mal gestattete er sich ein kurzes Hundekläffen, mal schraubte er die Stimme rollengerecht ein wenig in die Höhe – was da über Mikro erklang, war weitgehend effektfrei, dabei trotz der einen oder anderen überlangen Kunstpause vor allem rhythmisch sehr präzise. Ganz vereinzelt konnte man bei den Vokalen die österreichische Herkunft des 73-jährigen Schauspielers heraushören.

Am Klavier steuerte Sebastian Knauer zuweilen ein paar Takte Bach oder Mozart bei, tat dies sehr sensibel, wirkte aber doch eher ergänzend als gleichberechtigt – wenn das Bild bei einem Pianisten nicht so schief wäre, könnte man hier gut von der vielbeschworenen zweiten Geige sprechen.

Nach rund 75 Minuten brach großer Jubel im Saal aus, viele Besucher erhoben sich zu Ovationen im Stehen. Doch muss die Frage gestattet sein, wer hier eigentlich gefeiert wurde: der Filmdarsteller von Oberst Redl, Hanussen und dem James-Bond-Schurken Maximilian Largo oder der Rezitator des Abends – über dessen Charisma man bei aller Souveränität durchaus geteilter Meinung sein konnte.

Wie dem auch sein, sowohl Knauer als auch Brandauer spendierten Zugaben. Nach Brechts „Pflaumenbaum“ kam Rilke zu seinem Recht, dessen wunderbares Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ zu den Höhepunkten des Abends gehörte. Der damit aber noch nicht beendet war, denn nun wandte sich Brandauer erstmals direkt ans Publikum: Es galt, den Kästner-Slogan „Es gibt nichts Gutes“ zu ergänzen – und als dann viele Kehlen wunschgemäß „außer man tut es“ intoniert hatten, hieß es kurz und bündig „Gute Nacht!“. Jörg Worat

Von Jörg Worat