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Kultur Ohrenbetäubender Jubel für „Madame Bovary“ in Hannover
Weltgeschehen Kultur Ohrenbetäubender Jubel für „Madame Bovary“ in Hannover
15:35 21.09.2016
Eine Fülle an aberwitzigen Details erwartet die Besucher von „Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ in der Cumberlandschen Bühne. Das Foto zeigt eine Szene mit: (von links) Johanna Bantzer, Clemens Sienknecht, Sophie Krauß und Beatrice Frey. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Der Premierenabend endet mit ohrenbetäubendem Jubel, und das ist gewiss nachvollziehbar. Das Regie-Duo Clemens Sienknecht und Barbara Bürk hat hier nicht nur eine ganz eigenständige Spielform entwickelt, sondern wartet auch mit einer derartigen Fülle an aberwitzigen Details auf, dass die gut 100 Minuten wie im Fluge vergehen. Wer sich dabei nicht wenigstens ein paar Mal köstlich amüsiert, muss entweder ein extrem trübes Gemüt oder einen sehr schlechten Tag haben.

Es wird viel musiziert und gesungen auf der Bühne, doch geht das Geschehen über die seit einiger Zeit so beliebten theatralen Liederabende à la Franz Wittenbrink hinaus, die doch oft eine eher dürftige thematische Klammer haben. Nein, der Rote Faden ist hier schon Flauberts Skandalroman aus dem 19. Jahrhundert, und die Geschichte einer Frau auf der Suche nach Selbstbestimmung und Erfüllung wird mit allen Medien bedient: Schauspiel, Erzählung aus dem Off und eben jeder Menge Musik.

In dieser ist Clemens Sien­knecht zu Hause, der auf der Bühne das Kraftzentrum bildet und sich der kompetenten Mitarbeit des Kollegen Friedrich Paravicini versichert hat – in Sachen Tasteninstrumente und Cello brennt also schon mal nichts an. Es ist indes gelungen, auch die anderen Akteure organisch einbinden, ohne dass es peinlich wird: Im Gegensatz zu Johanna Bantzer und Sophie Krauß haben Mathias Max Herrmann und Beatrice Frey keine sonderlich attraktiven Gesangsstimmen, machen das aber mit ihrer Souveränität mehr als wett.

Und gefordert ist hier die ganze Bandbreite von Choral über Volksmusik und Klassik bis zu Pop und Werbejingle. Mal erklingt „Hey Good Lookin‘“, mal „Life On Mars“, mal „I Wanna Dance With Somebody”. Zudem gilt es den einen oder anderen Tanz zu bewältigen, der zwar gern absichtlich affig sein darf, aber doch nicht beliebig. Ganz zu schweigen von all den netten Kleinigkeiten, wenn etwa jemand irritierte Blicke in die Runde wirft und ein anderer nicht weiß, wohin mit den Händen.

Große Klasse, wie gesagt. Nur leider ist irgendwo auf der Strecke geblieben, dass die Geschichte ja durchaus einen ernsten Hintergrund hat. Aber sei es Liebes- oder Sterbeszene, hier wird alles mehr oder weniger krass durch den Kakao gezogen; nur Mathias Max Herrmann als in aller Drögheit doch gutwilliger Landarzt Bovary darf mal ein paar leise Zwischentöne anstimmen.

Clemens Sienknecht und Barbara Bürk haben sich bereits „Effi Briest“ vorgenommen und dafür eine Einladung zum Berliner Theatertreffen erhalten, was in der Szene einem Ritterschlag gleichkommt. Geplant ist eine dritte Adaption, deren Stoff allerdings noch nicht feststeht – wäre schön, wenn dann nicht nur der virtuose Effekt im Vordergrund steht.

Von Jörg Worat