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Kultur Opernhaus führt „Wilhelm Tell“ in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln auf
Weltgeschehen Kultur Opernhaus führt „Wilhelm Tell“ in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln auf
09:00 03.11.2017
Die begabte Darstellerin und Sopranistin Ania Vegry überzeugt als Tells Sohn Jemmy im Opernhaus in Hannover. Quelle: Thomas M. Jauk
Hannover

Einen Regisseur im klassischen Sinn gibt es dabei nicht, die Tätigkeit von Neil Barry Moss wird als „Spielleiter“ deklariert. Er zeichnet auch für die Kostüme verantwortlich, in denen die Farben Rot und Weiß dominieren, nachvollziehbar, geht es inhaltlich doch um den Freiheitskampf der Schweizer. Ferner sind ein paar bunte Blätter auf der Bühne verstreut, Lichteffekte spielen eine Rolle, und ja, der Apfelschuss findet statt. Schließlich wird Interaktion wenigstens angedeutet, meist im Form von Blicken, die zwischen den Figuren ausgetauscht werden, je nach Anlass mal grimmig und mal liebevoll.

Die Hauptlast liegt bei einem solchen Setting natürlich auf den Schultern der Akteure, die mit ihrer vollen Bühnenpräsenz punkten müssen. Ursprünglich sollte Stefan Adam die Darstellung des Tell übernehmen, nach seiner Erkrankung sprang Peter Schöne vom Staatstheater Saarbrücken ein. Schon körperlich eine imposante Erscheinung, wusste er auch mit zugleich wuchtigem und elegantem Einsatz der Stimme zu überzeugen.

Nun ist „Wilhelm Tell“ eines jener Stücke, in denen die Titelrolle nicht unbedingt den interessantesten Part darstellt. Das trifft weit eher auf Arnold zu, dessen Liebe zur Habsburger Prinzessin Mathilde mit den Zielen der freiheitsdurstigen Kameraden kollidiert. Eine anspruchsvolle und kräftezehrende Rolle, die Sung-Keun Park unter dem Strich tapfer bewältigte; auch ließ sich der Tenor und von den geforderten Spitzentönen nicht schrecken; indes forcierte er manchmal zu sehr und baute den einen oder anderen Schluchzer in die Phrasierung ein. Dass weniger eben wirklich mehr sein kann, bewies in beide Richtungen auch Guillaume Antoine als Walter Fürst, durchaus geschmeidig im Terzett, doch etwas zu brachial beim Sologesang. Überzeugend fies gab Shavleg Armasi den Vogt Gessler, und eine schöne Nebenfigur-Studie gelang Daniel Eggert als Schäfer Leuthold.

Auch die Damen konnten punkten. Den Apfel vom Kopf schießen ließ sich Ania Vegry, ein Stern am hannoverschen Sopranistinnenhimmel und auch darstellerisch besonders begabt – mit der Hosenrolle von Tells Sohn hatte sie zumindest keine Probleme. Dorothea Maria Marx stieg etwas spröde in die Darstellung der Mathilde ein, um sich anschließend frei zu singen; dass sich ein Besucher nach ihrer Arie vor Bravos gar nicht mehr einkriegen wollte, wirkte dennoch übertrieben.

Das Niedersächsische Staatsorchester unter Alessandro De Marchi hatte ebenso wie der hochkarätige Opernchor neben vielen Facetten auch den einen oder anderen Wackler im Programm. Überhaupt war diese auf dreieinhalb Stunden inklusive zweier Pausen eingedampfte „Tell“-Fassung eher nicht der Höhepunkt der Saison, aber es gab genug Erfreuliches zu hören – und eben auch ein bisschen was zu sehen.

Von Jörg Worat