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Kultur Ovationen für den Casanova
Weltgeschehen Kultur Ovationen für den Casanova
16:25 02.04.2013
Voller Dynamik: Die Tänzer - wurden nach der Show - im voll besetzen - Hannoveraner Opernhaus minutenlang bejubelt. Quelle: Alfredo Anceschi
Hannover

Premiere während der „Oster-Tanz-Tage“ in Hannover: Die italienische Gruppe „Compagnia Aterballetto“ zeigte die deutsche Erstaufführung von Eugenio Sciglianos Choreographie „Casanova“. Es ist die vertanzte Version eines mehr als abenteuerlichen Lebenslaufs: Giacomo Girolamo Casanova machte sich im 18. Jahrhundert in vielfacher Hinsicht einen Namen. Mit zahlreichen Prominenten aus ganz Europa war er bekannt, landete aber auch im Gefängnis, aus dem ihm wiederum eine spektakuläre Flucht gelang. Vor Duellen scheute Casanova nicht zurück, und natürlich gilt er bis heute als „Womanizer“, als Inbegriff des Verführers.

Die Choreographie griff etliche dieser Facetten auf, bediente sich bei Bedarf des in diesem Falle sicherlich angebrachten Kunstgriffs, die Titelfigur in mehrere Tänzer aufzusplitten. Das Brüchige des Charakters kam ebenfalls zu Geltung, so sah man Casanova in der Anfangs- wie in der Schlusssequenz vor einem Spiegel darüber reflektieren, wer er nun eigentlich ist oder war.

Zwischendurch ging’s munter zur Sache. Sieben Paare waren in unterschiedlichen Konstellationen auf der Bühne zugange, in einer Tanzsprache, die bei aller Eigenwilligkeit so weit in der Tradition verankert ist, dass sie wohl kaum jemand wehgetan haben dürfte. Forcierte Brüche mit den gängigen Vorstellungen von Ästhetik waren jedenfalls nicht zu beobachten. Am eigenartigsten geriet noch das Solo einer Tänzerin im Kugelbauch-Kostüm: Casanova war, wie das Internet-Lexikon Wikipedia so schön formuliert, „nie verheiratet, hatte jedoch eine unbestimmte Zahl eigener Kinder, von denen er nur teilweise Kenntnis erhielt“.

Besonders eindringlich wirkten manche Gruppenpassagen, mehr durch ihre Dynamik als durch bestechende Präzision – die nämlich hielt sich das eine oder andere Mal durchaus in Grenzen. Das erotische Moment kam hinreichend zum Tragen und wurde schon personell mannigfach variiert: ein Mann und zwei Frauen, ein Mann und viele Frauen, eine Frau und viele Männer … Interessant anzuschauen, aber irgendwann doch einen Tick ausführlicher als nötig. Atmosphärische Akzente setzte die raffinierte Lichtführung, während die Musik, im Wesentlichen zeitlich dem Thema entsprechend von Vivaldi bis Carl Philipp Emanuel Bach, etwas zu laut und höhenlastig ausgesteuert war – eine Unsitte, die im heutigen Tanztheater leider häufiger zu beobachten ist.

Das focht das Publikum indes ebenso wenig an wie die Frage, ob die Choreographie nicht vielleicht ohne Substanzverlust leicht gekürzt werden könnte. Minutenlange Ovationen.

Von Jörg Worat