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Kultur Pianist Rémi Geniet überzeugt mit „richtigem Puls“
Weltgeschehen Kultur Pianist Rémi Geniet überzeugt mit „richtigem Puls“
14:57 21.04.2016
Hannover

Johann Sebastian Bach angemessen zu interpretieren, ist eine große Herausforderung, erst recht in jungen Jahren. Geniet, geboren 1992, hat da bereits extrem viel zu bieten: In der immerhin rund halbstündigen Partita Nr. 4 gab es höchstens den etwas statischen Einstieg und später ein, zwei gar zu geschmäcklerische Pausen zu bemängeln, ansonsten hatte das genau den richtigen Puls. Und vor allem eine feine Balance zwischen Werktreue und Gestaltungswillen, der, sofern überzogen, bei Bach eben schnell zum Rohrkrepierer wird. An dessen c-Moll-Toccata war dann gar nichts mehr ernsthaft auszusetzen – angenehm unaffektiert hatte sich der Pianist übrigens den zwischenzeitlichen Abgang gespart.

Das war auch bei den beiden Chopin-Stücken im zweiten Teil der Fall. Sorgsam arbeitete Geniet den individuellen Charakter der vier Mazurkas op. 17 heraus: tatsächlich „risoluto“ die erste, leicht exzentrisch die dritte mit ihrer eigenwilligen Harmonik, die beiden in Moll ohne unnötige Verrätselungen. Ebenso geschmackvoll geriet die Klaviersonate Nr. 3, die nicht nur wegen ihrer technischen Anforderungen Gefahren birgt, kann doch das Largo schnell kitschig und das Finale zum hohlen Theaterdonner werden. Hochkonzentriert wusste Geniet diese Klippen zu umschiffen und ließ sich auch vom überdurchschnittlich hustenfreudigen Publikum nicht aus der Bahn werfen.

Der Beifall überschritt die Höflichkeitsgrenze deutlich, ein Herr im Parkett erhob sich sogar zu Ovationen im Stehen. Der ernsthaft, aber nicht verkniffen wirkende Pianist spendierte zwei Zugaben und zwar in ungewöhnlicher Reihenfolge: erst kam die sanfte Nummer mit Rachmaninows Transkription von Tschaikowskis „Wiegenlied“, dann der flotte Abschluss mit einem Beethoven-Scherzo. Sehr schöner Abend, den Namen Rémi Geniet wird man sich merken müssen.

Von Jörg Worat