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Kultur Polit-Operette „Ein Staat, ein guter Staat“
Weltgeschehen Kultur Polit-Operette „Ein Staat, ein guter Staat“
14:04 24.04.2013
Hannover

Der Obdachlose Kilian Hupka begegnet der Gräfin Gwendolyn Buckelburg-Marasquino, geschiedene Cash, die ein sonderbares Problem plagt: Sie möchte ihrem Gatten Luitpold, einst renommierter Außenpolitiker, zum 88. Geburtstag einen Staat schenken. Leider ist gerade keiner verfügbar, weshalb Hupka auf die Idee verfällt, sich als erster Bürger eines fiktiven „Astoria“ zur Verfügung zu stellen. Das Geburtstagsgeschenk kommt gut an, entwickelt aber in der Folge eine ausgeprägte Eigendynamik: Das Image Astorias als eine Insel der Seligen ruft immer mehr Einwanderungswillige auf den Plan. Als Hupka schließlich eine Kehrtwende vollzieht und die Nichtexistenz des Staates proklamiert, interessiert dies niemanden mehr.

Das ist eine nette Grundkonstruktion, und obwohl Soyfer seinen Text schon 1937 geschrieben hat, werden erstaunliche Parallelen zur Jetztzeit deutlich. Allerdings hatte der Autor sein Stück wohl eher für das Kabarett vorgesehen, wo es auch gut aufgehoben wäre – warum man in Hannover mit dem Schauspielhaus gerade die größte und damit ungeeignetste Bühne ausgewählt hat, bleibt unklar.

Jürgen Kuttner mag das insofern entgegengekommen sein, als er ja gern nach der Devise „viel und laut“ verfährt. Was indes bei seinen üblichen revueartigen Produktionen noch funktionieren mag, bekommt einem Abend, an dem so etwas wie eine durchgehende Geschichte erzählt werden soll, schlecht.

Kuttner brezelt das Stück mit Fremdtexten und aktuellen Verweisen auf: Von Hartz IV ist die Rede, und natürlich fehlt auch nicht ein bisschen hannoversches Lokalkolorit mit Anspielungen auf die „Holländischen Kakaostuben“ und einem Herrn „Carsten M.“. Es gibt jede Menge – durchaus virtuos eingesetzte – Livevideos, und eine – durchaus kompetente – Liveband dröhnt immer mal wieder mit punkiger Attitüde los. Der Regisseur frönt auch einmal mehr seiner Neigung zu Schlagerparodien: Bei der Suche nach der astorianischen Nationalhymne erklingen Zeilen à la „Ein bisschen Staat muss sein“ oder „Ein Staat zieht hinaus in die Welt“, und ja, das ist dann doch genau so billig, wie es sich liest.

Bewundernswert, mit welcher Energie das Ensemble die kaum besonders dankbaren Rollen durchzieht, so dass es unfair wäre, einzelne Akteure hervorzuheben. Die Darsteller können allerdings nicht verhindern, dass der Abend sehr bald vor sich hindümpelt. Und nicht einmal mehr ärgerlich ist, sondern nur noch überflüssig. Jörg Worat

Von Jörg Worat