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Kultur Projekt „Myriad“ begeistert bei Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker
Weltgeschehen Kultur Projekt „Myriad“ begeistert bei Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker
14:03 31.07.2017
Die Musiktage-Sprecherin Susanne Römer testet in Hitzacker eine der 2464 chinesischen Spieldosen, die als Klanginstallation aufgebaut worden sind. - Das Projekt „Myriad“ der englischen Komponistin Rebecca Saunders ist zum Mitmachen gedacht. Quelle: Philipp Schulze
Hitzacker

Hitzacker. Saunders hat eine Doppelwand gebaut aus einer Metallplatte mit eingelassenen kleinen Leuchtdioden. Und davor eine milchige Plexiglasscheibe montiert. In diese eingelassen sind die 2464 optisch gleichartigen Spieluhren, von denen man jeweils nur den Drehschalter sieht. Über 50 Melodien spielen diese Uhren ab, wenn man sie mit einem leichten Knacken oder Ratschen aufzieht. Das sind vor allem Volks- und Kinderlieder ganz vieler Länder, auch klassische Melodien sind darunter. Besonders markant vielleicht „Stille Nacht“ oder „La Cucaracha“ oder der „Can-Can“ von Jacques Offenbach.

Je nachdem wieviele dieser Spieluhren gerade laufen überlagern sich die Melodien, bilden dadurch neue Melodien, aus denen man zunächst möglicherweise noch bekannte Melodiefragmente erkennen kann. Aber irgendwann, wenn immer mehr Spieluhren dazukommen, wird aus der Vielzahl der sich überlagernden Töne eine ganz gleichmäßige Impulsfolge, die sich erst dann wieder lichtet, wenn die Spieluhren sukzessive wieder aufhören. Dann schälen sich wieder Melodien heraus, die gar nicht als solche gedacht waren, sondern die einzig beim Zuhörer in dessen Kopf entstehen, weil dieser sich an ihm bekannte Melodien erinnert und diese Tonfolge für sich zu einem imaginären Ganzen zusammenfügt, obwohl die Töne zu unterschiedlichen Uhren gehören.

Saunders erreicht mit ihrer „Myriad“-Wand ein Maß an klanglicher Sinnlichkeit, das man erlebt haben muss. Jedes theoretisches Denkkonstrukt, was die Künstlerin damit will, wird zweitrangig, denn das Kunstwerk selbst fasziniert in seiner musikalischen Einzigartigkeit und eben Sinnlichkeit, die zu dem noch jeden Besucher zum Mitkünstler werden lässt. Man meint geradezu den süffisant schmunzelnden amerikanischen Dadaisten John Cage hier Saunders über die Schulter schauend auszumachen. Und wenn mehrere Menschen ganz schnell hinter einander viele dieser Spieluhren in Gang setzen, so erinnert die dann entstehende, geradezu rauschhafte Impulsfolge übrigens auch noch an ein anderes Schlüsselwerk der Moderne, nämlich an Ligetis „Poème Symphonique“ für 100 Metronome. Aber während Ligetis Stück aus heutiger Sicht wie eine ästhetische Wegbereitung für die neues Musikgeschichte erscheint, so hat Saunders hier einen Endpunkt kompositorischer Entwicklung in Kombination mit sinnenhafter Vollendung erreicht. Einziges Manko dieser großartigen Klanginstallation: Sie ist weitab vom Festivalgeschehen in der ehemaligen katholischen Kirche, der heutigen Kunsthalle Oktogon zu sehen. Trotzdem: Da muss man hin. Man muss den Besuch aber genau planen, denn es gibt leider nur sehr beschränkte Öffnungszeiten.

Von Reinald Hanke