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Kultur Quintett „Boys“ tanzt mit Sinn fürs Detail
Weltgeschehen Kultur Quintett „Boys“ tanzt mit Sinn fürs Detail
12:06 07.09.2017
Hannover

Zum Auftakt zeigten fünf Herren in der Choreographie „Boys“ von Roy Assaf Variationen zum Thema Männlichkeit. Zumindest behauptete dies das Programmheft, ersichtlich wurde es nur streckenweise, weil zwischen den Posen von militärischem Pathos hier, sexueller Anzüglichkeit da und kumpelhafter Attitüde dort auch einiger Leerlauf zu verzeichnen war. An Selbstironie fehlte es dem Stück allerdings nicht, die betont coolen Passagen hatten schon etwas Amüsantes. Ohnehin wäre es verfehlt, diesen Tanz als missglückt zu bezeichnen, zumal das Quintett Sinn fürs Detail und große Musikalität bewies. Um so bedauerlicher, dass die Dramaturgie zuweilen ins gar zu Diffuse driftete, übrigens auch auf akustischer Ebene: Gegen eine Mischung unter anderem aus Bob Dylan, Gustav Mahler und Charlie Chaplins Schlussansprache in „Der große Diktator“ ist ja nichts einzuwenden, warum aber muss zwischendurch minutenlang ein überaus penetranter Hochfrequenz-Ton die Soundkulisse dominieren?

Was man bei einem Tanztheater-Festival eher weniger erwartet, ist ein Dia-Vortrag. Doch den bot Rotem Tashach mit der Performance „It’s All Good“, deren Titel offenkundig zu schön ist, um wahr zu sein. So tischte Tashach denn auch Bilder von Flüchtlingsbooten, Massakeropfern und Kämpfen im besetzten Gebiet auf, immer wieder mit dem gegen den Strich gebürsteten Tenor, dass die Kunst im Vergleich mit der Realität doch keine Chance hätte: Ist etwa Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ im Vergleich mit jenem Foto von aufeinander einschlagenden Menschen nicht miserabel ausgeleuchtet? Sollten wir das Geld statt für die Kunst nicht lieber für Herrlichkeiten wie Kampfflugzeuge ausgeben?

Das ist bitter, regt aber zum Nachdenken darüber an, was Kunst bewirken kann, muss und soll. Naheliegend, dass Tashach auch René Magrittes berühmtes Bild von einer gemalten Pfeife zeigte, unter der die Worte „Dies ist keine Pfeife“ stehen – mit Recht, denn die Darstellung einer Sache ist nicht die Sache selbst.

Ab und an erinnerte sich der Performer, dass wir uns auf einem Tanzfestival befinden, und legte zum Zwecke des Entertainments einen Überschlag oder ein paar flotte Armschwünge hin. Ganz zum Schluss bat er das Publikum zum gemeinsamen Schwofen auf die Bühne – ein paar Besucher folgten dem Angebot.

Zum Abschluss wird „Tanztheater International“ noch multimedialer: Beim Stück „Beytna“ („Unser Zuhause“) bittet der libanesische Choreograph Omar Rajeh heute und morgen nicht nur zu Tanz und Live-Musik in die Orangerie, es wird auch gekocht.

Von Jörg Worat