Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Kultur Schwieriges Stück weitgehend gelungen umgesetzt
Weltgeschehen Kultur Schwieriges Stück weitgehend gelungen umgesetzt
12:40 12.09.2017
In der Oper „Don Carlo“ von Giuseppe Verdi sind in Braunschweig neben der Statisterie zu sehen (von links) Eduardo Aladrén und David Ostrek. Quelle: Thomas M. Jauk
Braunschweig

Braunschweig. Verdis späteste Schiller-Oper ist in ihrer Mischung aus Kammerspiel, Grand Opera und politischem Zeitstück und einer Spieldauer von mindesten dreidreiviertel Stunden eine Herausforderung. Das Braunschweiger Staatstheater hat mit dem Beginn der neuen Intendanz von Dagmar Schlingmann, Operndirekto-rin Isabel Ostermann und Chef-dirigent Srba Dinic diese Herausforderung gesucht und sie weitestgehend bezwungen.

Zunächst zur Musik: Dinic erweist sich als ein subtiler Begleiter, der den Sängern lieber etwas mehr folgt als dass er sich selbst und seine musikalischen Vorstellungen in den Vordergrund stellt. Das hat zur Folge, dass sein Klangkörper gerade in den ersten drei Akten eher klangschön und gut durchgehört im Hintergrund bleibt, als dass er für eindrückliche Hörerlebnisse sorgt. Da hätte man sich schon manchmal etwas mehr Ausdruckswillen und extremere Töne gewünscht.

In den weitgehend düsteren Akten vier und fünf beginnt Dinic als Dirigent zunehmend eigenes Format zu gewinnen. Nun wurde es musikalisch ganz stark, ja phasenweise fast überwältigend. Ein wenig liegt das aber auch an der in den ersten Akten manchmal weniger inspirierten Musik und vor allem einer Dramaturgie des Stückes, die sich nicht recht entscheidet zwischen einem stringenten Handlungsablauf und einer irrationalen Gefühlsdramaturgie.

Die Inszenierung von An-drea Moses weiß aus der komplizierten Struktur des Stückes einiges heraus zu holen, aber gerade in den ersten Akten ist die Bildsprache Annett Hungers zu beliebig. Und da wirkte manches auf der Bühne einfach billig. Besser gelangen die Szenen, in denen das Bühnenbild konkret auf die Biografie Philipps II anspielt und beispielsweise dessen hohe Bildung, Sammelneigung, Gefallen an Reliquien und dessen Fähigkeit mittels schriftlicher Verordnungen zu regieren ins Bild setzt. Da mag manch Szenenbild für den nicht vorbereiteten Opernbesucher schwer verständlich sein, konzeptionell aber ist das stimmig. Und vor allem versteht es Moses, in diesem Bühnenbild weitgehend hervorragend mit ihren Sängerdarstellern zu arbeiten. So kam manch szenisch überzeugendes Rollenporträt zu Stande.

Sängerisch gelang der Abend für ein Haus dieser Größe weitgehend sehr gut, wenngleich die Stimme des Philipp-Sängers so wenig fokussiert klang, dass dieser zunächst am wenigsten überzeugte. Aber erstens steigerte sich dieser Sänger am Laufe des Abends merklich und zweitens hatten die anderen Sängerinnen und Sänger so viel stimmliches und musikalisches Format, dass es ein Genuss war zuzuhören. Insgesamt ein gelungener Start der neuen Braunschweiger Opernleitung.

Von Reinald Hanke