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Kultur Schwieriges Thema Selbstmord in „All das Schöne“
Weltgeschehen Kultur Schwieriges Thema Selbstmord in „All das Schöne“
14:00 25.10.2017
„All das Schöne“ führt das Junges Schauspiel im Ballhof Zwei mit Jonas Steglich auf. Quelle: Isabel Machado Rios
Hannover

Ein Mann erzählt von der Selbstmordneigung der Mutter. Als er sieben Jahre alt war, unternahm sie den ersten Suizidversuch – Anlass für den Jungen, eine Liste mit den schönen Dingen des Lebens anzufertigen. „Eiscreme“ steht als Nummer 1 darauf, es folgen „Wasserschlachten“ und „Länger aufbleiben und fernsehen dürfen“.

Die Liste ist ursprünglich für die Mutter gedacht, doch mit dem Erwachsenwerden bekommt sie zunehmend Bedeutung für den Sohn selbst, der natürlich mit Enttäuschungen aller Art konfrontiert wird. Immer umfangreicher und spezieller wird die Aufzählung, „Star-Trek-Filme mit geraden Nummern“ tauchen auf und die Tatsache, dass Beyoncé eine entfernte Verwandte von Gustav Mahler ist – zu diesem Zeitpunkt nähert sich die Zahl der schönen Dinge der Millionengrenze.

Serviert wird das unter Paul Schwesigs Regie von Schauspieler Jonas Steglich, unterstützt lediglich durch Live-Musiker Christian Decker, der zudem die Rolle des überwiegend sprachlosen Vaters übernimmt. Aber halt – Steglich hat doch noch weitere Mitstreiter. Die werden nämlich aus dem Publikum rekrutiert, mutieren zu Tierarzt, Schulpsychologin oder Freundin. Steglichs anfängliche Behauptung, man müsse dafür nichts weiter tun, erweist sich als geschwindelt: Plötzlich heißt es, das Tanzbein zu schwingen oder eine spontane Brautrede zu halten.

So etwas ist immer Geschmacks-sache, den Beteiligten scheint es jedenfalls wenig auszumachen, und sogar ein Naturtalent wird sichtbar: Der junge Mann, der nichts weiter tun soll, als immer wieder kindlich-beharrlich „Warum?“ zu fragen, tut dies wunderbar einfühlsam und facettenreich.

Die Geschichte endet nicht fröhlich, der Sohn kann die Mutter nicht retten. Für alle Theaterbesucher gibt es indes am Schluss, genau, Eiscreme. Und nach wie vor gibt es allerdings keine endgültige Antwort auf die Frage, wie man mit diesem Thema angemessen auf der Bühne umgehen kann.

Von Jörg Worat