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Kultur Seele des Barock nachgespürt
Weltgeschehen Kultur Seele des Barock nachgespürt
16:45 25.04.2013
Pianist - Kit Armstrong Quelle: nicht zugewiesen
Hannover

Kit Armstrong ist einer der ungewöhnlichsten Musiker in der heutigen Klassikszene. Der US-amerikanische Pianist mit taiwanesisch-britischen Wurzeln brachte sich im Alter von Fünf das Komponieren bei, hatte seinen ersten Konzertauftritt mit Acht, begann ein Jahr später ein Studium der Musik und Naturwissenschaften. Seinen Abschluss machte er in Musik und Mathematik. Klarer Fall, ein Genie – aber eines, das noch lernen kann.

Denn Felix Mendelssohn Bartholdys 2. Klavierkonzert geriet Armstrong keineswegs optimal. Zwar wirkte er deutlich entspannter als bei früheren Auftritten, vielleicht weil die Bürde des Wunderkinds von dem inzwischen 21jährigen abgefallen ist. Und doch siegte bei diesem Vortrag gleichsam der Mathematiker über den Musiker.

Weder kann man dem Pianisten einen Egotrip vorwerfen – das Orchester behielt er stets im Blick – noch Leichtfertigkeit: Armstrong hat die Struktur des Werks zweifellos durchdrungen, und die Interpretation wirkte durchaus logisch. Auch in technischer Hinsicht gab es keinen Grund zur Klage, die akzentuiert eingesetzte Linke erwies sich sogar als Trumpf-As. Nur vermisste man zuweilen Einfühlung und Tiefe, vor allem in den zurückgenommenen Passagen: „leise“ heißt eben noch lange nicht „intim“. Aus gutem Grund war daher in den Pausengesprächen immer wieder Lob für die Zugabe zu hören: Bei einem eher schlicht angelegten Stück von Jean-Philippe Rameau hatte Armstrong nämlich bewiesen, dass er der Seele zumindest des Barock sehr wohl sensibel nachzuspüren weiß.

Auch nach der Pause wollte keine ungeteilte Begeisterung aufkommen. Richard Strauss hat mit seiner „Sinfonia domestica“, die erklärtermaßen das Familienleben des Komponisten thematisiert, eigentlich eine dankbare Vorlage geliefert. Generalmusikdirektorin Karen Kamensek und ihre Truppe wussten die aber nur bedingt zu verwandeln: Wo Ehekrach, Versöhnung und Verwandtenbesuch nach pointierter und durchaus auch mal etwas neckischer Umsetzung verlangen, herrschte besonders bei den Bläsern immer wieder eher Dienst nach Vorschrift. Die zweite Hälfte hatte allerdings klarere Konturen, Lucja Madziar an der 1. Geige konnte einige Pluspunkte sammeln, und das Klangvolumen der großen Besetzung beeindruckte natürlich schon. Nachvollziehbar indes, dass der Schlussbeifall nicht ausuferte.

Von Jörg Worat