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Kultur Sehr erlebenswerter „Parsifal“ in Bremen
Weltgeschehen Kultur Sehr erlebenswerter „Parsifal“ in Bremen
14:54 14.09.2016
Das Bremer Theater überzeugt mit einem gesanglich wie musikalisch erlebenswerten „Parsifal“ mit unter anderem (von links) Chris Lysack und Nadine Lehner. Quelle: Jörg Landsberg
Bremen

Poschners Bremer Orchester ist nach neun erfolgreichen Jahren ganz auf ihn eingeschworen und hat unter seiner Leitung ein klangliches Niveau erreicht, das man nicht unbedingt in Bremen erwarten würde. Um es vorwegzuschicken: Gesanglich und musikalische war dieser „Parsifal“ vom Feinsten.

Und das nicht weil Poschner Wagners Stück als Meisterwerk eines geradezu mystischen Mischklangs perfekt zum Erklingen gebracht hätte, sondern weil er das Stück in einer Spannung zwischen Sachlichkeit und Emphase aufführte, die einem oft die Einsicht abverlangte, dass man viele Passagen so, wie an diesem Abend gespielt, bisher noch selten oder nie vorher gehört hat. Faszinierend waren dabei nicht nur die großen dramatischen, dabei nie weihevoll oder mystisch raunenden Passagen, sondern auch und gerade die zurückgenommenen Momente, die in ihrer Klarheit und manchmal auch Schlichtheit der Phrasierung und Gestaltung von hoher Ausdruckskraft waren.

Und so ganz nebenbei: Die Bremer Philharmoniker zeigten zwar gegen Ende des langen Abends ein wenig Konzentrations- und Konditionsprobleme, aber nie wurden diese so groß, dass sie ernsthaft den hervorragenden Gesamteindruck geschmälert hätten.

Ein großes Plus dieser Aufführung waren die guten Sänger, die, fast unglaublich, durchweg aus dem eigenen Ensemble stammten. Diese Besetzung hätte manch weitaus größerem Haus alle Ehre gemacht. Am auffälligsten war generell, dass mit einer Textverständlichkeit gesungen wurde, die man heute nur extrem selten erlebt. Geradezu eine Sensation war der Gurnemanz des Patrick Zielke. Nicht nur, dass Zielke dieser Rolle speziell im ersten Akt, aber auch noch einmal gegen Ende des Stückes, neben dem Erzählerischen eine weitere Ebene gab, in dem er das gerade Gesungene mimisch kommentierte und damit sogleich eine Distanzierung von der eigentlichen Figur erreichte, er sang auch noch mit einer Kraft, Kultur und Gestaltungssicherheit, die diesen Sänger wohl bald an viel größere Häuser bringen wird.

Und die Regie? Faszinierende Ansätze, einzelne Aspekte des Stückes kritisch zu sehen, hatten ihren Reiz, aber insgesamt lag die Qualität dieser Inszenierung weniger in ihrem auf dem Papier behaupteten Konzept als darin, dass es Storman im ersten und dritten Akt wunderbar gelungen ist, die Sänger zu konsequent eindringlichem und vielschichtigem Spiel zu motivieren. Stormans Ansatz, das Stück zwar als Bühnenweihfestspiel ernst zu nehmen, ihm aber jegliches Mystische auszutreiben klappte in den Außenakten bestens, im zweiten Akt im Reich Klingsors verzettelte er sich aber in Nummern, die wie banale Shownummern aus den 20er Jahren wirkten und beim besten Willen keinen Sinn ergaben.

Trotzdem: Wegen der Sänger und der Musik ist diese Aufführung fast jede Anreise wert.

Von Reinald Hanke