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Kultur Songpoet Konstantin Wecker mit Abend der Wahrhaftigkeit
Weltgeschehen Kultur Songpoet Konstantin Wecker mit Abend der Wahrhaftigkeit
12:20 04.08.2017
Der Liedermacher Konstantin Wecker ist bei Ehlershausen aufgetreten. Quelle: Harald Tittel
Hannover

Irgendwie muss er die Sehnsüchte vieler äußerlich angepasster Menschen ansprechen, die in seinen Konzerten merken, dass ihnen diese Eigenständigkeit, die Wecker immer vorgelebt hat, fehlt. Und dann das: Wecker stellt sich hin und erzählt davon, welch blödsinnige Verhaltensweisen seinen Lebensweg oftmals an den Rande des Abgrunds gebracht haben. Ja, Wecker war mehr als einmal ganz unten: Großmannssucht, Drogen, Gefängnis. Aber immer hat er sich nach Tiefschlägen wieder aus dem Dreck gezogen, ist aufgestanden und weiter seinen Weg gegangen. So sehr er sich als Mensch geändert haben mag, seine Art sich künstlerisch auszudrücken, die ist geblieben.

Man konnte dies nun gut im Isernhagenhof erleben, denn in der zwar immerhin mindestens 500 Menschen fassenden ehemaligen Scheune kam das Publikum in jeder Hinsicht nah an ihn heran. Er ließ auch diese Nähe bis zu einem gewissen Punkt zu. Es gelang ihm dabei wunderbar, das zu bleiben, was heute als Modewort so häufig sinnentleert gebraucht wird und in der Unterhaltungsbranche seltenst erreicht wird: Er blieb authentisch.

Wecker saß an seinem Flügel, erzählte Geschichten aus seinem Leben, spielte die Töne dazu, und es wurde schnell klar: Dieser vielleicht letzte Expressionist der Worte hat seine Texte aus seinem Leben gewonnen, ja, er hat sein Leben geradezu ausgewrungen, um ihm diese Texte zu entringen, die er dann vertont hat. Gleich, ob er selbst am Flügel sitzt oder ob er gelegentlich einen mit ihm befreundeten Pianisten ans Klavier bittet, man erkennt sofort den typischen Wecker-Stil.

Man steckt Wecker gerne in die gleiche Schublade mit anderen Liedermachern wie Wader oder Degenhardt, aber er ist eigentlich eher ein Songpoet, ein Künstler, der zwar seine Stücke aus der Sprache heraus entwickelt, deren Faszinosum sich aber aus der Kombination mit seiner ganz eigenen Musiksprache entwickelt. Er ist eher ein bayrischer Bob Dylan als ein Liedermacher im konventionellen Sinn.

Wecker singt weiterhin auf Deutsch seine Lieder zwischen Zorn, Aufbegehren und Zartheit. Sein schwieriges Leben hat ihm viele Einsichten geschenkt, die er in sein Programm sowohl in Form von Musik als auch durch Erzählen einbaut. So wird sein Liebeslied an seinen verständnisvollen Vater zu einem leisen Höhepunkt des Abends. Da wird Wecker fast sentimental, aber er bekommt trotz der eher kitschigen Süße der puccinesken Musik durch seine Schlichtheit des Vortrags noch wunderbar die Kurve zu einem ganz starken Abgang nach einer Konzertdarbietung von großer Wahrhaftigkeit.

Von Reinald Hanke