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Kultur Spannendes Konzert mit Makeln
Weltgeschehen Kultur Spannendes Konzert mit Makeln
12:16 14.03.2017
Hannover

Wer in erste Linie auf feurige Rhythmen erpicht war, musste sich gedulden. Bei Franz Liszts Symphonischer Dichtung „Tasso, Lamento e trionfo” kam die Klage durchaus besser zur Geltung als der Triumph: György G. Ráth ließ sich beim Aufbau dieser Klanglandschaften alle Zeit der Welt, ohne darüber in Drögheit abzugleiten – die schmissigere Schlusspartie erzielte dagegen spürbar weniger Tiefenwirkung, was eher der Komposition als der Interpretation anzulasten ist.

Dann drang ein Franzose ins ungarische Herrschaftsgebiet vor. Beim zweiten Klavierkonzert von Béla Bartók setzte sich Jean-Efflam Bavouzet an den Flügel und trug das Seine zu einem zwar keineswegs makellosen, aber überwiegend spannenden Vortrag bei. Dem Solisten war jederzeit klar, dass dieses Werk Zögerlichkeiten besonders schlecht vertragen würde: Bavouzet bevorzugte einen knackigen Anschlag und schwang in spielfreien Momenten schon mal die erhobenen Fäuste in einer Art Sekundär-Dirigat.

Ins besinnungslose Hämmern geriet der Pianist dabei nie. Problematisch war schon eher, dass er zwar ständig den Blickkontakt zu Podium und Orchester suchte, aber dennoch der Gesamtklang zuweilen aus der Spur geriet – ganz synchron klang das vor allem in rhythmischer Hinsicht nicht immer. Umso wichtiger, dass die Adagio-Passagen des zweiten Satzes auf den Punkt kamen, als Bavouzet seinen Gestaltungswillen auch bei ruhigeren Tönen bewies. Und was die Streicher da zwischenzeitlich für Sounds entwickelten, war aller Ehren wert – das klang in manchen Momenten wirklich wie aus einer anderen Welt.

Der Schluss wackelte dann wieder ein wenig; dass der Applaus nicht überschäumen wollte, lag aber wohl eher an der mangelnden Gefälligkeit von Bartóks Werk. Für eine Zugabe reichte es dennoch, nämlich ein geschmacksicher unkitschig gespieltes Debussy-Häppchen.

Hatte es bislang schon einige Kontrastwirkungen gegeben, nahm das nach der Pause noch ganz andere Dimensionen an. György Ligetis „Atmosphères“ verlangen einige Geduld vor allen von Freunden musikalischer Motive und Melodien. Die glänzen hier nämlich durch Abwesenheit, im Vordergrund stehen stattdessen Klangflächen mit langsamen Verschiebungen in Sachen Dynamik und Frequenzspektrum. Überwiegend gerieten dem Orchester diese Subtilitäten titelgerecht atmosphärisch – schade, dass im Publikum punktuell recht hemmungslos der Unruhe Raum gegeben wurde.

Mit wesentlich leichter verdaulichem Stoff ging’s dann in die Schlussrunde. Zoltán Kodálys „Háry-János-Suite“ ist aus gutem Grund so populär; Dirigent Ráth und seine Truppe suchten auch nicht nach Geheimnissen, wo nun einmal keine sind. Dadurch muss der Vortrag ja noch lange nicht banal werden, wie etwa die berührende Interpretation des liedhaften dritten Satzes bewies, mit schönen Einsätzen der Bratsche und dem mit Klöppeln angeschlagenen Zymbal.

Und mag das Finale auch nicht gerade vor Tiefsinn strotzen, witzig sind die ständigen vermeintlichen Schlussakkorde, nach denen es dann doch weitergeht, schon. Prompt tappte das Publikum in die Falle und klatschte einmal vorzeitig – der Schlussapplaus fiel deswegen nicht weniger ausführlich aus.

Von Jörg Worat