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Kultur Spiegelungen: Kulturen rücken enger zusammen
Weltgeschehen Kultur Spiegelungen: Kulturen rücken enger zusammen
12:54 01.06.2017
Franziska Stünkel fotografiert Spiegelungen wie diese unter dem Titel „All the stories“. Quelle: Franziska Stünkel
Hannover

Die heißt „Coexist Part 4“, hat die hannoversche Künstlerin doch ihr bewährtes Prinzip nach Reisen durch Asien, Afrika und Europa diesmal auf die Mittelmeer-Region angewandt: Franziska Stünkel fotografiert Spiegelungen in Schaufenstern, Werbetafeln und anderen reflektierenden Materialien, erzeugt damit Bilder, die zuweilen wie Mehrfachbelichtungen wirken, tatsächlich aber immer direkt vor Ort eingefangen sind.

Die Fotos sind in neun Ländern von Griechenland bis Marokko und in einer besonders spannungsreichen Region entstanden: „Die Routen der Kreuzfahrtschiffe kreuzen ja oft die Wege der Flüchtlingsboote“, wie Galerist Robert Drees anmerkt. Sehnsuchtsort oder Krisengebiet – hier kommen beide Sichtweisen zum Tragen. Wirkt die Überblendung von Wasserfluten und gedeckten Tischen, die eines der mittel- bis großformatigen Fotos zeigt, eher einladend oder beängstigend?

Durch Stünkels Spiegeltechnik rücken die Kulturen noch enger zusammen, verschmelzen kopftuchtragende Frauen fast mit leger gekleideten Touristinnen oder Reklamemodels. Andere Bilder driften eher in Richtung Abstraktion, wenn etwa eine filigrane Struktur, die auf den ersten Blick ebenso ein Mauerriss wie ein Pflanzenzweig sein könnte, inmitten von Lichtfeldern erscheint, die offenbar durch Bogenfenster geformt werden.

Eine Videoarbeit gibt es auch, und wer nur die Bilder sieht, wird die Aufnahmen von heller Gischt in dunklem Wasser entweder langweilig oder meditativ finden. Beides ändert sich, sobald man einen der bereitgelegten Kopfhörer aufsetzt: Hier erzählt der syrische Künstler Jwan Khalaf mit stockender Stimme und eindringlich von seinen Erfahrungen bei der Flucht per Boot.

Wie üblich zeigt die Galerie im kleinen „Outlook“-Raum eine zweite Position, die ebenfalls einer hannoverschen Künstlerin gewidmet ist: Die gebürtige Spanierin Pepa Salas Vilar präsentiert sonderbare Objekte und Gemälde im Spannungsfeld zwischen nostalgischer Anmutung und surrealer Irritation, etwa ein kleines Goldhäuschen auf einer Briefwaage.

Von Jörg Worat