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Kultur Sprengel Museum in Hannover zeigt Gemeinschaftswerk „Kalibrierung 5“
Weltgeschehen Kultur Sprengel Museum in Hannover zeigt Gemeinschaftswerk „Kalibrierung 5“
13:31 23.11.2017
In der Einblickshalle des Sprengel Museums in Hannover prangt das rund 100 Quadratmeter große Kunstwerk „Kalibrierung 5“ von Margret Eicher und Adi Hoesle. Quelle: Herling/Herling/Werner
Hannover

Das Zentrum der Arbeit bildet ein Gobelin nach einem Entwurf von Margret Eicher. Die Künstlerin, die in Mannheim und Berlin wirkt, kombiniert hier munter die Hoch- und die sogenannte Trivialkultur, wirbelt zudem die Jahrhunderte durcheinander. Links rekelt sich lasziv die Computerspiel-Heldin Lara Croft, rechts zeigt sich Schauspielerin Uma Thurman in der Pose aus den „Kill-Bill“-Filmen kämpferisch. Dazwischen sind, deutlich kleiner, männliche Models von Dolce & Gabbana zu sehen. Schließlich gibt es Zitate aus Tizians „Venus von Urbino“ aus dem Jahr 1538: Sowohl die Zofe als auch den Rosenkranz hat Eicher in die leicht surreal anmutende Bildwelt geschmuggelt.

Die Künstlerin bedient sich also in mannigfachen Gefilden – welche Bedingungen muss denn ein Motiv erfüllen, um für die Künstlerin interessant zu werden? „Es darf nicht zu privat werden, sondern muss eine gesellschaftliche Relevanz haben. Durch die Größenverhältnisse in dieser Arbeit werden beispielsweise die üblichen Geschlechterrollen vertauscht, die Frauen sind hier die starken Figuren.“

Die monumentale Tapetenstruktur dahinter zeigt genau genommen dasselbe Bild, nur wird niemand es wiedererkennen. Denn Künstler Adi Hoesle aus Babenhausen hat in den Quellcode der digitalen Vorlage eingegriffen, und hier können auch vermeintlich kleine Veränderungen nachhaltige Wirkung entfalten, wenn etwa die Zeilenstruktur neu angeordnet wird – der Bildpunkt behält zwar seinen Farbwert, taucht aber an ganz anderer Stelle auf als zuvor. Herausgekommen ist dabei ein beeindruckendes abstraktes Muster von leicht psychedelischer Anmutung.

Hoesle interessiert sich nach eigenem Bekunden stark für das nicht oder nicht direkt Sichtbare. So bat der Künstler 2004 einige Kollegen, darunter Stars wie Jonathan Meese und Andreas Gursky, eigene Arbeiten in Metalldosen zu verpacken, die dann im bei Freiburg gelegenen Barbara-stollen gelagert wurden. Der Clou: Wer die Kunstwerke sehen will, sollte einige Geduld aufbringen und auf ein langes Leben hoffen – die Öffnung der Dosen ist für das Jahr 3504 angesetzt.

So lange muss man für die Betrachtung der „Kalibrierung 5“ nicht warten. Übrigens ist dafür nicht zwingend Eintrittsgeld erforderlich, weil die Einblickshalle aus gutem Grund so heißt: Die riesige Wandarbeit fällt schon von außen ins Auge – und verleitet zum Überschreiten der Museumsschwelle.

Von Jörg Worat