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Kultur Stück mit spaßigen Dialogen aber ohne Tiefenwirkung
Weltgeschehen Kultur Stück mit spaßigen Dialogen aber ohne Tiefenwirkung
11:11 07.09.2016
Das Staatsschauspiel in Hannover spielt das Stück „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ mit (von links) Hagen Oechel und Katja Gaudard. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Das hannoversche Staatsschauspiel hat das 1959 pos-thum uraufgeführte Stück jetzt im Ballhof Eins zur Premiere gebracht. Verständlicherweise, denn es handelt von unbestimmten Ängsten und von einem prägenden Phänomen der Jetztzeit. Vater, Mutter, Tochter und Dienstmädchen flüchten vor einem unheimlichen Geräusch in immer höhere und immer schäbigere Etagen ihres Hauses. Worin genau die Bedrohung besteht, wird nie ganz klar, nur die Zielscheibe für Spannungen aller Art steht fest: das Schmürz.

Wie dieses zu visualisieren sei, ist sicherlich die Hauptfrage bei einer Inszenierung. Regisseur Tom Kühnel hat eine überzeugende Lösung gefunden und den Selbstverteidigungs- und Fitnesstrainer Hendrik Spremberg engagiert. Der trägt, während von allen Seiten auf ihn eingedroschen wird, seinen Original-Schutzanzug, wodurch er ein wenig an ein riesiges Insekt erinnert, das seltsam verletzlich wirkt. Dieses Schmürz kann wirklich anrühren.

Damit steht es indes ziemlich allein in der Inszenierung. Die omnipräsente Angst wird zwar behauptet, aber kaum sicht- oder hörbar; auch das mysteriöse Geräusch ist eher diffus als furchteinflößend. Eine Weile funktioniert der Abend dennoch, weil die Dialoge Spaß machen.

Da psychologische Feinarbeit kaum möglich ist, setzt Regisseur Kühnel auf Effekte. Die aber scheinen recht beliebig: Mal kippen die Figuren unvermutet in diverse Dialekte, mal üben sie sich in vehementer Körperarbeit. Das Absurde ins Absurde ziehen zu wollen, geht selten gut – interessant wäre gewesen, gerade dabei eine gewisse Strenge walten zu lassen.

Obwohl der Abend nur knapp 90 Minuten dauert, zieht er sich. Einen Unterhaltungswert mag er für manche Besucher haben, ob er aber Tiefenwirkung hinterlässt, steht auf einem anderen Blatt.

Von Jörg Worat