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Kultur Überdrehter Blödsinn mit Reizen
Weltgeschehen Kultur Überdrehter Blödsinn mit Reizen
12:43 11.03.2015
Alte Story für das Schauspielhaus Hannover neu inszeniert:„Floh im Ohr“ von - George Feydeau mit (von links) Günther Harder, Gunnar Teuber und Mathias Max Herrmann. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek fertigte zu Georges Feydeaus „Floh im Ohr“ eine Übersetzung an, und Regisseure wie Dieter Dorn oder Martin Kušej waren der Meinung, dass man den Stoff auch im 21. Jahrhundert inszenieren sollte. Warum eigentlich? Das ist die Frage, die sich nach der aktuellen Hannover-Premiere im Schauspielhaus auftut.

Sicher, das Thema der bürgerlichen Doppelmoral hat an Gültigkeit kaum verloren, erträumte oder vollzogene Seitensprünge sind ein zeitloses Motiv. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Mittel zu deren Bloßstellung ewigen Tauglichkeitswert haben. Also Verwechslungsorgien, Gerenne, Geschrei, heruntergelassene Hosen, die eine oder andere gepflegte Zote und was dergleichen mehr ist. Wer nun glaubt, Regisseur Thomas Dannemann wäre für Hannover ein besonders origineller Zugriff auf dieses Arsenal eingefallen, sieht sich über weite Strecken getäuscht.

Die Story ist und bleibt hanebüchen. Ausgangspunkt ist ein Versicherungsunternehmen, in dem einige honorige Menschen zu argwöhnen beginnen, der Partner oder die Partnerin sei untreu. Dass die Indizien für solche Verdächtigungen fragwürdig sind, ändert nichts daran, dass sich alle Beteiligten aus unterschiedlichen Gründen in einem Stundenhotel einfinden, wo die wilde Jagd dann so richtig losgeht. Alle rennen aneinander vorbei oder begegnen sich in den ungünstigsten Momenten; ein Drehbett stiftet zusätzliche Verwirrung, zudem ähnelt leider der dauerbeschickerte Hausmeister des Puffs dem Herrn Versicherungsdirektor wie ein Ei dem anderen.

Damit die Farce auch als solche erkennbar wird, kommen die Akteure in Kostümen mit schrillen Farbakzenten daher. Auch die Schauspielführung wirkt nicht sonderlich subtil – Karikaturen bleiben eben Karikaturen, wiewohl ein professionelles Ensemble natürlich gar zu schlimme Plattitüden zu vermeiden weiß und die Regeln des Timings beherrscht: Auch ein Dialog nach dem Motto „Nein!“-„Doch!“ muss erst einmal sitzen. Und wenn Janko Kahle als sprachgestörter Camille keine Konsonanten über die Lippen bringen darf, nötigt das schon vom Technischen her einen gewissen Respekt ab.

Wenn man dafür empfänglich ist, dass überdrehter Blödsinn auch seine Reize haben kann, entwickelt die Inszenierung sogar das eine oder andere Glanzlicht. Was sich indes kaum einstellen will, ist so etwas wie Doppelbödigkeit.

Einige Besucher flüchten in der Pause sichtlich missgelaunt, und der Schlussbeifall hält sich in Grenzen. Wirklich schlecht ist der Abend ja gar nicht, eher etwas viel Schlimmeres: überflüssig.

Von Jörg Worat