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Politik Die Suche nach der Wahrheit im Fall Kavanaugh
Weltgeschehen Politik Die Suche nach der Wahrheit im Fall Kavanaugh
20:12 27.09.2018
Die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford wird vor ihrer Aussage vor dem Justizausschuss des US-Senats vereidigt. Foto: Win Mcnamee/Pool Getty Images North America/AP Quelle: Win Mcnamee
Washington

Washington (dpa) - Christine Blasey Ford kämpft. Mit den Tränen, mit ihrer Stimme, mit der Aufregung. Die 51-Jährige sitzt vor dem Justizausschuss des US-Senats, schaut angestrengt auf die Notizen vor sich und liest ein vorbereitetes Statement ab. Wort für Wort.

«Ich bin heute nicht hier, weil ich das will. Ich habe Angst», sagt sie, als ihre Stimme zum ersten Mal bricht. 15 Minuten lang kämpft sich die Psychologie-Professorin durch mehrere Seiten Text. Zwischendurch gerät ihre Stimme immer wieder ins Stocken, ihre Lippen beben, sie unterdrückt ein Weinen. Es ist unübersehbar, wie schwer ihr der Auftritt fällt und wie sehr er sie aufwühlt.

Es ist ein denkwürdiger Tag im Saal 226, in einem Nebengebäude des US-Senats. Der Justizausschuss hört dort jene Frau an, die schwere Vorwürfe gegen den Supreme-Court-Anwärter Brett Kavanaugh erhoben hat und damit seine Berufung auf einen der einflussreichsten Richterposten der USA stoppen könnte. Der Senat hat das letzte Wort.

Seit Tagen dominiert Fords Name die Schlagzeilen in den USA. Doch an diesem Tag tritt sie zum ersten Mal öffentlich auf, seitdem ihre Anschuldigungen publik wurden. Der Druck auf Ford ist enorm. Eine Anhörung dieser Art hat sie noch nie durchgemacht, noch dazu zu diesem heiklen Thema. Eine Kamera ist durchgehend auf sie gerichtet. Fernsehsender übertragen die Anhörung live. Die ganze Nation kann zuschauen, wie sie über jenen Moment spricht, der ihr Leben nach eigenen Angaben aus den Fugen gebracht hat: Jener Sommerabend Anfang der 80er Jahre, als Kavanaugh versucht haben soll, sie am Rande einer Schülerparty zu vergewaltigen. Ford war damals 15 Jahre alt.

Ford erzählt ihre Version des Abends vor den Senatoren: Kavanaugh und dessen Freund Mark Judge hätten sie in einen Nebenraum gelotst, Kavanaugh habe sich auf sie geworfen, versucht, sie auszuziehen, und ihr den Mund zugehalten, um sie am Schreien zu hindern. Sie habe sich befreien und flüchten können.

Und sie beschreibt, was in den vergangenen Tagen passierte, seitdem ihre Vorwürfe öffentlich wurden. Sie sei bedroht und angefeindet worden, sie und ihre Familie hätten aus Sicherheitsgründen ihr Zuhause verlassen müssen. Sie habe lange mit sich gerungen, ihre Geschichte öffentlich zu machen, sagt Ford. Und was dann passiert sei, sei weit schlimmer als sie es je befürchtet habe.

Nach ihrem Eingangsstatement wirkt Ford deutlich gefasster. Auf die Nachfragen im Ausschuss antwortet sie sortiert, klar, souverän, lächelt zwischendurch. Kritiker hatten zuvor ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt und die These gestreut, womöglich habe Ford Kavanaugh einfach mit einem anderen jungen Mann verwechselt. Ford weist das vor dem Ausschuss mehrfach zurück. Sie sei «100 Prozent sicher», dass der Angreifer Kavanaugh gewesen sei. An dieser Stelle kommt die Wissenschaftlerin in ihr durch. Sie verweist auf grundlegende Funktionen der Erinnerung, neurologische Prozesse im Gehirn.

Die republikanischen Senatoren in dem Ausschuss - ausschließlich mittelalte bis ältere Herren - verzichten darauf, Ford selbst zu befragen. Sie haben dafür eine Staatsanwältin aus Arizona engagiert, die auf Sexualstraftaten spezialisiert ist. Nichts soll danach aussehen, als halte hier eine Jury alter weißer Männer Gericht über ein weibliches Missbrauchsopfer, noch dazu politisch gefärbt. Die Demokraten, die mit mehreren Frauen in dem Ausschuss sitzen, fragen selbst - und sie preisen überausführlich Fords Mut in dem Fall.

Die Personalie Kavanaugh ist Gegenstand einer erbitterten parteipolitischen Auseinandersetzung zwischen Republikanern und Demokraten. Der Fall erzählt aber auch viel über die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft: Es geht um Konservative gegen Liberale, um Frauenrechte und den großen Kampf um die Wahrheit, der Amerika unter einem Präsidenten Donald Trump so umtreibt.

Vor dem Senatsgebäude versammeln sich an diesem Tag Unterstützer von Ford wie Unterstützer von Kavanaugh. Die einen warnen davor, Männer unter Generalverdacht zu stellen, die anderen beklagen eine Mentalität notorischer Übergriffigkeit gegenüber Frauen.

Und bei dieser historischen Anhörung geht es auch um eine Wegweisung für die amerikanische Gesellschaft. Der Supreme Court trifft wesentliche Grundsatzentscheidungen, mit Kavanaugh bekäme das höchste US-Gericht ein konservatives Übergewicht. Kavanaugh ist der Wunschkandidat von Trump. Auch für den Präsidenten geht es um viel. Trump verfolgt die Anhörung aufmerksam, schaut sie an Bord der Air Force One - auf dem Rückweg von der UN-Vollversammlung in New York.

Trump verteidigte Kavanaugh bisher zwar einigermaßen standhaft. Er hat aber auch wissen lassen, dass er seinen Kandidaten im Zweifel fallen lassen würde: falls er Kavanaugh für schuldig halte.

Kavanaugh weist alle Vorwürfe vehement zurück - die von Ford, aber auch die der weiteren Frauen, die nach Ford mit Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen. Diese Frauen berichten von ausschweifenden Partys und einem Brett Kavanaugh, der sich damals exzessiv betrunken und immer wieder Frauen sexuell belästigt habe. Da ist auch die Rede von Hauspartys, bei denen junge Männer angeblich Frauen mit Alkohol abfüllten, um sie willenlos zu machen und danach im Nebenzimmer zu vergewaltigen. Bei solchen Partys soll Kavanaugh gewesen sein.

All das will so gar nicht zu dem passen, wie sich Kavanaugh selbst gibt: als arbeitsamer, aufrichtiger und zutiefst anständiger Mann. Als unabhängiger Richter von höchster moralischer Integrität. Als liebevoller Vater und treuer Ehemann. Und als einer, der seine Zeit in der Highschool und an der Universität vor allem damit verbrachte zu lernen, Sport zu machen - und sonntags in die Kirche zu gehen.

Das ist auch seine Botschaft an den Ausschuss, wie aus Kavanaughs Eingangsstatement hervorgeht, das vorab verbreitet wurde: Er sei unschuldig, habe noch nie eine Frau sexuell belästigt. Vielleicht habe er in seinen jungen Jahren am Wochenende mal ein Bier zu viel getrunken. Aber die meiste Zeit sei er mit Lernen, Sport und Kirche beschäftigt gewesen. Die Vorwürfe von Ford und anderen seien nichts als Verleumdung, um seine Ernennung zu verhindern.

Es steht also weiter Aussage gegen Aussage. Die Senatoren müssen nun entscheiden, wen sie für glaubwürdiger halten: Ford oder Kavanaugh. Die meisten sind längst festgelegt in ihrem Votum, doch einzelne Republikaner wackeln - und das könnte Kavanaugh den Job kosten.

Fotostrecke: Die Suche nach der Wahrheit im Fall Kavanaugh

Von dpa Von Christiane Jacke

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