Leben im Anti-Rothkötter-Camp
Seit Ende Mai halten Tierschutz-Aktivisten einen kleinen Teil des Schlachthof-Geländes in Wietze besetzt. Sie wollen den Rothkötter-Konzern daran hindern, Europas größten Schlachthof zu errichten. Auch wenn das nicht gelingen sollte, halten die jungen Kritiker die Besetzung für einen Erfolg.
WIETZE. Sie schlafen in Zelten, hacken Holz fürs Feuer und kochen in einer provisorischen Küche, die einer Holz-Baracke gleicht. Um das Camp, das von einem Graben umgeben ist, sind zahlreiche Laken gespannt, auf denen Sprüche wie „Macht Euch vom Acker“ oder „Schlachthof verhindern“ steht. Immer wieder werden die Aktivisten von Bürgern aus Wietze besucht. Oft sind es Mitglieder der Bürgerinitiative, die Essen vorbeibringen oder einfach ihre Solidarität zum Ausdruck bringen – ein gemeinsamer Gegner verbindet.
Gut zwei Monate sind die Besetzer, die angeblich aus dem ganzen Bundesgebiet stammen, auf dem Platz, auf dem schon bald Millionen von Hähnchen geschlachtet werden sollen. „Das wird eine Mordfabrik“, sagt die 18-jährige Marie Kaiser, die aus Buchholz im Süden von Hamburg kommt.
20 bis 30 meist junge Menschen, darunter viele Schüler und Studenten, leben in dem Camp, das den Charakter einer Wagenburg hat. Mit dem Unterschied, dass es keine Wagen gibt und dass das Zusammenleben in nicht allzu ferner Zukunft beendet sein dürfte. „Wir wissen, dass im August Baubeginn ist und sind darauf gefasst, dass geräumt wird“, sagt Marie. „Wir lassen uns aber nicht verscheuchen.“
Ihren Antrieb, Schul- oder Semesterferien auf einem Acker in Wietze zu verbringen, erklären sie mit der gigantischen Größe des Schlachthofes und der Zahl der Mastställe. „Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie sehr die Tiere gequält werden“, sagt Anila Sonntag aus Gießen, 16 Jahre alt. Die Gründe für die Ablehnung kann sie herunterbeten: Der Schlachthof habe Auswirkungen auf die ganze Region. Negative Folgen für den heimischen Tourismus seien zu erwarten, mit Antibiotika belastetes Abwasser würde in die Aller geleitet, eine hohe Ammoniakbelastung sei die Folge, wenn Rothkötter erst mal in Betrieb gegangen sei, meint die Schülerin.
Verständnis für die Befürworter der Fabrik, die auf die Arbeitsplätze und die Gewerbesteuereinnahmen verweisen, hat man im Camp nicht. Genauso wenig für Landwirte, die in der Hähnchenmast einen Betriebszweig für die Zukunft sehen. „Man muss das im Verhältnis zu den negativen Auswirkungen des Schlachthofes sehen“, sagt Marie. Sie spricht sich daher für „kleinbäuerliche Strukturen in der Landwirtschaft“ aus.
In jedem Fall sei die Besetzung richtig gewesen, davon sind die Tierschützer überzeugt. „Auch wenn wir den Bau nicht verhindern können, war unsere Aktion nicht sinnlos, weil wir viele Menschen erreicht haben“, sagt Marie. Um noch mehr Menschen zu erreichen, wird es ab Freitag eine Aktionswoche geben. Diverse Workshops stehen an, unter anderem geht es ums vegane Kochen und um Gentechnik.