Polizei räumt Schlachthof-Gelände

Impressionen von der Geländeräumung in Wietze Foto: Peter Müller

Mit 200 Einsatzkräften hat die Polizei gestern das besetzte Schlachthof-Gelände in Wietze geräumt. Die Aktivisten hatten sich aneinander gekettet, in Betonvorrichtungen verschanzt und auf Holztürmen verbarrikadiert. Die Polizeiaktion war erst am Abend beendet. Zu Ausschreitungen kam es nicht. Schaulustige hatten den ganzen Tag über das Geschehen verfolgt.

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WIETZE. Es war der Schritt, der kommen musste. Alle waren darauf vorbereitet, auch die Besetzer. Sie hatten, das wurde gestern schnell klar, die vergangenen zweieinhalb Monate genutzt und zahlreiche Vorrichtungen getroffen, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen, sie vom Schlachthof-Gelände zu entfernen. „So etwas habe ich noch nie gesehen, obwohl ich seit sechs Jahren bei den Castortransporten dabei bin“, sagte Polizeisprecher Guido Koch, als er vor einem Wohnwagen stand, den die radikalen Tierschutzaktivisten in den Boden eingegraben hatten. Der Wohnwagen war mit Stahlbeton ausgegossen, in dem sich zwei Besetzer verankert hatten. Spezialeinsatzkräfte der Polizei brauchten mehrere Stunden, um sie zu befreien.

Genau 16 Aktivisten hielten sich gestern in dem Camp auf, als Kreisrat Michael Cordioli um sechs Uhr morgens per Lautsprecher eine Verfügung des Landkreises Celle verlas. Als die Besetzer trotz mehrmaliger Wiederholung der Aufforderung nicht nachkamen, das Gelände zu verlassen, schritt die Polizei ein, die mit etwa 200 Einsatzkräften, darunter auch Polizeireiter, auf dem Schlachthof-Gelände in Wietze war.

Die Zeit zwischen der Ankündigung und der tatsächlichen Räumung nutzten die meist jungen Demonstranten offenbar, um sich an präparierte Betonvorrichtungen anzuketten, aus denen sie sich selbst nicht befreien konnten. Neben den beiden Aktivisten im Wohnwagen hatten sich ein Mann und eine Frau mit jeweils einem Arm in einem Fass einbetoniert. Zwei weitere Demonstrantinnen hatten sich im Boden verankert. „Ich liege seit 6.30 Uhr hier. Mir geht es gut, aber langsam müsste ich auf Toilette. Ich habe aber eine Windel an“, sagte eine der beiden Frauen, etwa 20 Jahre alt. Andere Besetzer protestierten auf den beiden zehn Meter hohen Tripoden. Polizeisprecher Christian Riebandt sagte am frühen Nachmittag, dass sich 13 Aktivisten im Beton verankert hatten oder auf Holzhütten und Tripoden saßen. Mit schwerem Gerät, darunter Presslufthämmer und Flex-Maschinen versuchte die Polizei, die Menschen zu befreien.

Bereits zu Beginn des Einsatzes hatten zwei Aktivisten das Camp freiwillig verlassen, andere wurden am frühen Morgen weggetragen. Die Bergung des letzten Demonstranten war um 17.50 Uhr abgeschlossen. Sie alle wurden auf die Polizeidienststelle nach Celle gebracht, wo sie nach Feststellung der Personalien auf freien Fuß gesetzt wurden. Das erwies sich als gar nicht so einfach, weil einige sich nicht ausweisen konnten. Sie erwartet jetzt ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch.

Neben den Polizeibeamten war eine 15-köpfige Mannschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor Ort. „Falls es zu Verletzungen kommt, können wir die Demonstranten versorgen“, sagte DRK-Leiter Uwe Ammoneit. Sein Team musste am Nachmittag eine junge Frau behandeln.

Trotz des gewaltigen Konfliktpotenzials und der spektakulären Protestaktionen blieb die Räumung friedlich, die von mehreren Dutzend Schaulustigen verfolgt wurde. Selbst Sympathisanten der radikalen Tierschützer wie die agrarpolitische Sprecherin der Linken im Landtag von Hannover, Marianne König, die den Besetzern vor Ort ihre Solidarität erweisen wollte, sprach von einem angemessenen Vorgehen der Polizei. Die Wietzer Bürgerinitiative (BI) verurteilte die Räumung dagegen als „martialisch“. BI-Vorsitzender Norbert Juretzko sagte, dass er den Einsatz mit zwei Hundertschaften für überzogen hält. „Das sind doch alles noch Kinder. Vielleicht hätte man ihnen einfach 24 Stunden Zeit geben sollen und sie wären freiwillig gegangen. Das hätte auch eine Menge Geld gespart“, so Juretzko. Diese Sicht dürfte er allerdings ziemlich exklusiv haben. Schließlich fühlten sich zahlreiche Beobachter angesichts der Betonvorrichtungen gestern an die Castortransporte erinnert.

Wietzes Bürgermeister Wolfgang Klußmann äußerte sich zufrieden, dass die Aktion „weitgehend friedlich abläuft“. Der Bauhof werde später die Reste des Lagers beseitigen, sagte er. Unterdessen begann die Firma Rothkötter gestern damit, einen Zaun um das Baugelände zu ziehen. Nach Angaben Klußmanns werde das Areal künftig von einem Sicherheitsdienst von Rothkötter bewacht. Am Mittag wurde auch das Getreide auf dem 21 Hektar großen Gelände gemäht.

Firmenchef Franz-Josef Rothkötter teilte gestern mit, dass mit der Errichtung des Schlachthofes noch in diesem Monat begonnen werden soll. Der Bau von Europas größter Schlachtanlage steht also unmittelbar bevor.

Bürgerinitiative bekräftigt Klagen: Rund 20 bis 30 junge Menschen hatten einen Teil des Schlachthof-Geländes seit dem 24. Mai 2010 besetzt. „Das rechtswidrige Verhalten der Besetzer wurde wegen des hohen Ranges der Versammlungsfreiheit bisher geduldet“, teilte gestern die Celler Landkreis-Verwaltung mit. Nachdem sich die Besetzer auf dem Platz zunehmend verschanzt und Vermessungstrupps angegriffen hätten, sei es zur gestrigen Räumung gekommen, so Ordnungsamtsleiter Eckhard Ferg.

Das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg hatte am 16. Juli grünes Licht für die Errichtung und den Betrieb des Schlachthofes gegeben. Daraufhin erwarb die Firma Rothkötter das Areal von mehreren Grundstückseigentümern. Rothkötter will im kommenden Frühjahr in Wietze in Betrieb gehen. Zunächst sollen etwa 250 neue Jobs entstehen. Langfristig ist die Rede von bis zu 1000 neuen Arbeitsplätzen.

Die Wietzer Bürgerinitiative hat unterdessen bekräftigt, juristisch gegen den Schlachthof vorzugehen. Gestern sagte BI-Vorsitzender Norbert Juretzko, dass die Klagen vorbereitet werden. Dabei geht es um die Ablehnung des Bürgerentscheids und um die Ausweisung des Sondergebietes. Die Verfahren könnten über Großspender finanziert werden, hieß es am Rande der Räumung.
Simon Ziegler Autor: Simon Ziegler, am 11.08.2010 um 17:03 Uhr
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