„Erleben“ arabischer Kulturen

Claudia Ott in ihrem Arbeitszimmer. Vor ihr auf dem Tisch: Ein syrischer Bücherständer. Foto: Margitta True

Wer Claudia Ott in ihrem Arbeitszimmer besuchen möchte, muss sich die Schuhe ausziehen – ein Schild in englischer Sprache fordert dazu auf, denn in diesem Haus gehen Gäste vieler Nationen ein und aus. Dann betritt der Besucher ein Arbeitszimmer, das orientalisch-exotisch anmutet und wo auf niedrigen Kaffeehaushockern rund um einen Kupfertisch mit arabischen Inschriften Platz genommen wird. Hier will sich die Übersetzerin und Wissenschaftlerin in den kommenden drei Jahren verstärkt eigenen Projekten widmen.

BEEDENBOSTEL. Es gibt Bücher, die ihre Leser begleiten und so bezaubernd sind, dass sie so oft in Zügen, Cafés und Wartezimmern aus Taschen herausgezogen werden, bis ihr Einband so schmuddelig ist wie abgegriffene Küchenrezepte. Eines davon ist „Gold auf Lapislazuli“, eine Sammlung von Liebesgedichten des Orients, ausgewählt und übersetzt von Claudia Ott. 100 der schönsten sind es, es wären fast 1001 geworden, wie die Autorin schreibt; ihre Begeisterung für die Poesie der orientalischen Welt ist beim Lesen nahezu greifbar.

Übersetzung von
„Tausendundeine Nacht“

Doch im Fokus der Medien stand Claudia Ott, weil sie sich als Übersetzerin an ein Werk gewagt hat, das die Bezeichnung monumental verdient, und eher für den Lesesessel daheim bestimmt ist, der auch nach durchlesenen Nächten noch eine gewisse Bequemlichkeit bietet: „Tausendundeine Nacht“ erschienen 2004 im Beck Verlag, 2009 in der zehnten Auflage. Damit wurde erstmals eine Übersetzung jener Fassung aus dem 15. Jahrhundert ins Deutsche vorgelegt, die als die älteste erhaltene arabische Ausgabe gilt und nach 282 Geschichten abbricht. Fragmente dieser Erzählungen lassen sich bis ins erste Jahrhundert vor Christus zurück verfolgen. Doch die in Europa bekannte Fassung, die manche stereotype Vorstellung von der arabischen Welt mit geprägt haben dürfte, ist eine Bearbeitung und Erweiterung durch den Franzosen Antoine Galland, erschienen 1704. Otts Übersetzung bietet die Möglichkeit, die arabische kennenzulernen und dem Original näher zu kommen. Bewusst, verrät die 42-Jährige, habe sie durchaus lebendige und moderne Begriffe genutzt um ins Deutsche zu übertragen.

Gastfreundschaft
in einem „Offenen Haus“

Otts Arbeitsumfeld ist ein idyllischer Resthof, wo Lebensgefährte Martin Praetorius sein international renommiertes Atelier für historische Blasinstrumente betreibt, die beiden Kinder aufwachsen und das eine urgemütliche Mixtur aus norddeutschem Landleben und orientalischer Lebensart aufweist. „Einiges habe ich aus meinen Jahren in arabischen Ländern übernommen, dazu gehört die Gastfreundschaft, wir führen ein offenes Haus und empfangen oft Gäste“, sagt Ott. Klingel oder Briefkasten sucht man hier vergebens; entweder ist jemand da oder ein Nachbar hilft weiter. Die enge Dorfgemeinschaft in Beedenbostel, betont Ott, sei ein fester Bestandteil ihres Lebens.

„Wo ich wohne, will ich auch leben“, sagt Ott, die über zwei Jahrzehnte regelmäßig in arabischen Ländern unterwegs war, zum Teil mit dem Rucksack, „meine Wanderjahre“; Stationen: Palästina, Syrien, Ägypten. Das Pendeln zur Universität Erlangen wo sie als Dozentin für Orientalistik tätig ist, hat erst einmal drei Jahre lang ein Ende – eine Zeit, die sich Claudia Ott nimmt, um sich wieder eigenen Projekten zu widmen. Obgleich sie sich selbst als Nomadin bezeichnet, fühlt sie sich mit ihrer frei gewählten Verwurzelung im Celler Umland rundum wohl. „Die Menschen, aber auch das Publikum hier haben mich sehr gut aufgenommen“, sagt Ott, die sich nach ihrer Dissertation in Arabistik noch „einen Herzenswunsch“ erfüllte, ein Musikstudium in Kairo. Ihr Instrument: Die arabische Rohrflöte, Nay genannt. „Ich habe eine ganz solide Ausbildung“, stellt Claudia Ott bescheiden fest, die Musikerin spielt in mehreren internationalen Ensembles, arrangiert Stücke und hat etwa Günther Grass auf einer Reise mit Lesekonzerten musikalisch begleitet. Obgleich Profi, widmet sie sich mit Passion einem Laienchor in Beedenbostel, einer Gruppe von 40 Sängern, „unser Übungsabend ist immer der Höhepunkt der Woche“.

Zeit für die Familie
und das Musizieren

Was sich die Autorin neben Literatur und Musik aus arabischen Ländern mitgebracht hat, sagt sie nachdenklich, sei eine Form von Gelassenheit, wie sie in Europa nicht oft zu finden sei. Und das Gebot, den Tag zu genießen. Dazu gehört für die Familie auch das Musizieren. Martin Praetorius hat eigens einen Notentisch getischlert, der von der Zimmerdecke herab gelassen wird, um stehend oder auf dem Boden hockend die Noten darauf abzulegen und im Kreis zu musizieren. Dieses Möbelstück ist Ausdruck einer Art von Gemeinschaftlichkeit, die Ott auch in Deutschland pflegen möchte. Bilder an den Wänden und ihre Erzählungen geben Einblick in ihre Arbeitswelt, in der sie auf Entscheider, Diplomaten, Autoren und Musiker trifft. Eine Begegnung, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben sei, war das Treffen mit dem Sultan von Dubai, der sich selbst zunächst als Dichter bezeichnet, dann erst als Regent – „in Deutschland kaum vorstellbar“.

Das Erleben und Leben arabischer Kulturen und ihre wissenschaftliche Arbeit schei-nen jene Basis zu sein, von der aus sich Claudia Ott einer der schwierigsten Disziplinen zuwendet: Dem Übersetzen von Gedichten. Die sie die Herzstücke von „Tausendundeine Nacht“ nennt, deren Rhythmus und Reim der Herzschlag des Buches ist. Die Herausforderung sei, beschreibt Claudia Ott, den metrischen Klang möglichst exakt wiederzugeben. Auch damit habe sie bei der Arbeit an Tausendundeine Nacht Neuland betreten. Woran Ott zurzeit arbeitet, will sie nicht verraten. „Aber das werden die Leser bald sehen.“
Margitta True Autor: Margitta True, am 11.11.2010 um 18:58 Uhr
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