Als das Radio noch nicht erfunden war: Celler Männerchöre im Kaiserreich

Das Röhrenradio war im deutschen Kaiserreich noch nicht erfunden, das Grammofon mit Schallplatten als Tonträger kaum verbreitet. So war es nur natürlich, dass zur damaligen Zeit sehr viel mehr Menschen als heute Musik aktiv betrieben – auch im Kreis Celle.

Das Röhrenradio war im deutschen Kaiserreich noch nicht erfunden, das Grammofon mit Schallplatten als Tonträger kaum verbreitet. So war es nur natürlich, dass zur damaligen Zeit sehr viel mehr Menschen als heute Musik aktiv betrieben – auch im Kreis Celle.

Das Musikleben zu Anfang des 20. Jahrhunderts war durch ein hohes Maß an persönlichem Engagement und praktischem Können geprägt. Der passive Musikgenuss war weitgehend den Konzert- und Opernbesuchern vorbehalten, deren Zahl in Städten wie Celle begrenzt war.

Das Röhrenradio war noch nicht erfunden, das Grammofon mit Schallplatten als Tonträger kaum verbreitet. So war es nur natürlich, dass zur damaligen Zeit sehr viel mehr Menschen als heute Musik aktiv betrieben, sei es, dass sie ein Instrument spielten, sei es als Chorsänger.

Im Laufe seiner Entwicklung wurde der organisatorische Oberbau des Männerchorwesens, das heißt, der Zusammenschluss der einzelnen Vereine zu regionalen Sängerbünden, immer bedeutsamer. Neben den nationalen Einigungsbestrebungen waren es vor allem gleiche gesellschaftliche Interessen, sowie der Wunsch die sängerischen Kräfte zu messen, die diesen Prozess vorantrieben. Die erste „Provinzialliedertafel“ wurde am 30. und 31. Oktober 1830 in Bernburg gehalten. Anwesend waren 16 Mitglieder der Magdeburger, sieben der Dessauer, fünf der Zerbster Liedertafel, die Leipziger blieb aus. „Die Anwesenden verbanden sich zu künftiger jährlicher Feier“, schreibt Otto Elben 1855. Das „Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur“ schreibt 1833: „Liedertafeln. Unter diesem Namen sind in neueren Zeiten musikalische Männervereine äußerst beliebt geworden.“

Musikprofessor Carl Friedrich Zelter (1758-1832), Gründer der Berliner Liedertafel, des ersten reinen Männerchores, im Jahre 1809 und Freund von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), komponierte über 200 Lieder, Chor-, Orchester- und Klaviermusik. Am 7. August 1956 ordnete der damalige Bundespräsident, Theodor Heuss (1884-1963), die Stiftung der „Zelter-Plakette“ an, die auf der Vorderseite das Bild Zelters zeigt und als höchste Auszeichnung für besondere Verdienste um das deutsche Liedgut ausgegeben wird.

„Norddeutsche
Liedertafeln“

Mit der Gründung eines staatenübergreifenden Bundes waren die nordwestdeutschen Sänger schneller bei der Hand als die süddeutschen. Als ersten gebietsweiten Zusammenschluss konstituierten Sänger aus Hamburg und Bremen 1831 im Oyler Wald bei Nienburg die „Vereinigten Norddeutschen Liedertafeln“.

Die historischen Quellen haben den Ort, an dem die Gründung des „Oyler Bundes“ am Morgen des 16. Juli 1831 vollzogen wurde, auf jene baumumkränzte Lichtung im Oyler Wald verlegt, auf der man später den Gedenkstein errichtete.

Im Anschluss daran entstanden Sängerbünde in allen deutschsprachigen Gebieten.

Vom 20. bis zum 23. Juli 1861 fand in Nürnberg das „Allgemeine Deutsche Sänger-Fest“ statt, wo sich Vereine aus dem gesamten Deutschen Reich trafen. Dabei entstand die Idee, die regionalen Sängerbünde unter einer Dachorganisation zusammenzufassen. So wurde 1862 in Coburg unter der Schirmherrschaft Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Deutsche Sängerbund (DSB) gegründet.

Man gab sich eine Satzung, die gleich im ersten Paragrafen noch einmal ausdrücklich die vordringlichen Absichten der Männerchorbewegung festschrieb. Es heißt dort, man wolle „durch die dem deutschen Liede innewohnende einigende Kraft ... die nationale Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme stärken und an der Einheit und Macht des Vaterlandes mitarbeiten“.

Auf Veranlassung Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) gab die preußische Volksliedkommission die zweibändige Sammlung „Volkslieder für Männerchor“ (1906) heraus. Diese beiden so genannten „Kaiserliederbücher“ umfassten Bearbeitungen volkstümlicher Weisen im Stil der Zeit in oft komplizierter Satzweise und differenzierter spätromantischer Harmonik. 1915 folgte noch eine Ausgabe für gemischten Chor.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der Herzogstadt Celle die ersten Gesangvereine gegründet. Es waren die Liedertafeln „Euterpe“ und „Orpheus“, deren Mitglieder überwiegend aus Bürgern des Mittelstandes kamen. Clemens Cassel schreibt:

„Dieser Aufgabe ist er dadurch nachgekommen, dass er fast alljährlich ein Oratorium in der Stadtkirche unter Leitung seines Dirigenten, des wiederholt genannten Königlichen Musikmeisters Reichert, zu Gehör gebracht hat. Zu unterscheiden von ihm ist der seit 1881 allerdings mit längerer Zwischenpause bestehende Kirchenchor (gemischte Chor) an der Stadtkirche. Auch die übrigen Kirchen hatten einen solchen. – Andere Singvereine waren: Concordia (1870), Cellensia (1877), Liederkranz (vor 1878), Hehlentor-Männergesangverein (1883 gegründet, 1919 in einen gemischten Chor unter dem Namen „Liederkranz Hehlentor“ umgewandelt), Männergesangverein der früheren Altenceller Vorstadt (1885), Thalia (1881), Arion (1889), Vorwärts (1894), Euphonia (1898), Liedertafel „Frohsinn“ (1905), Heideblume (1910). Das Verzeichnis ist sicherlich unvollständig, zeigt aber, wie rege die Sangestätigkeit war.“

Vereine tragen
Geselligkeit

Die Geselligkeit des öffentlichen bürgerlichen Lebens im 19. Jahrhundert wurde zu einem großen Teil durch den Verein getragen. Die Alte Liedertafel reiste beispielsweise zu Sängerfesten, die in verschiedenen Städten veranstaltet wurden, und organisierte in Celle 1883 und 1905 selbst ein solches Treffen. Welche Bedeutung und Wertschätzung diese Festlichkeiten im Bewusstsein der Celler Bevölkerung hatten, zeigt, dass Celle 1883 anlässlich des Sängerfestes das erste Mal elektrisches Licht erlebte.

Vom Sängerfest der Vereinigten norddeutschen Liedertafeln zu Celle am 20. bis 22. Juni 1883 zeugt ein gedrucktes Programm. Im Jahre 1886 fand die Feier des 50-jährigen Bestehens der „alten“ Liedertafel Celle statt.

Das Interesse hannöverscher Arbeiterliedertafeln an dem im Jahr 1895 in Celle veranstalteten Sängerfest war so groß, dass sogar ein Sonderzug für die Sänger eingesetzt werden musste. Im „Vorläufigen Programm“ wurden neben 25 hiesigen Liedertafeln die Liedertafeln aus „Alfeld, Bovenden, Bielefeld, Celle 5, Einbeck, Göttingen 2, Hameln, Minden 2, Osterode, Osnabrück 2, Peine 2, Uelzen“ als teilnehmende Chöre genannt (der Bericht über die Veranstaltung nennt insgesamt 52 Gesangvereine) – sicherlich ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die Arbeitersängerbewegung in Niedersachsen zu einer bedeutungsvollen Institution innerhalb der Arbeiterbewegung geworden war. Das in der Zeitung abgedruckte Programm versprach neben den bereits bekannten Programmpunkten sicherlich als einen Höhepunkt das Abbrennen eines „Brillant-Feuerwerks“, nannte aber nicht mehr den Festzug durch die Stadt.

Sängerfest
im Juli 1901

Beim Sängerfest des Gesangvereins „Thalia“ zur Feier des 20-jährigen Bestehens am 28. Juli 1901 in den Zelten unter den Neustädter Eichen und im Vereinslokal Neustädter Schützenhof wirkten neben dem gastgebenden Verein diese Gesangvereine aktiv mit: Gesangverein „Concordia“, Braunschweig, Liedertafel „Echo“, Hannover, Gesangverein „Vorwärts“, Peine, Männergesangverein Sülze, Sängerbund Celle, Gesangverein „Freiheit“, Hambühren, Gesangverein „Harmonia“, Steinförde, Gesangverein „Germania“, Celle, Gesangverein „Concordia“, Celle, Gesangverein „Belle-Alliance“, Celle, Zimmerer-Gesangverein, Celle, Gesangverein „Vorwärts“, Celle, Maurer-Gesangverein, Celle, Hehlenthor-Männergesangverein, Celle, und Gesangverein „Arion“, Celle.

Das Sängerfest der Vereinigten Norddeutschen Liedertafeln in Celle am 7. bis 9. August 1905 wurde in einer eigens dafür konstruierten Halle im Französischen Garten abgehalten, die den zahlreichen Teilnehmern und Besuchern einen festlichen Rahmen bot. Der Teich im Französischen Garten lieferte die passende Kulisse für die ebenfalls eigens dafür errichtete Weinhalle.

Um ein umfassendes Bild zu erhalten, bietet es sich an, die einzelnen Chroniken unter die Lupe zu nehmen. Vereinzelt finden sich dort Hinweise auf größere Sängerfeste.

Gründung in
Adelheidsdorf

Mit der Gründung am 4. November 1899 als „Gesangverein Adelheidsdorf“ war einer der jüngsten Männerchöre der Umgebung ins Leben gerufen. Lange zuvor hatten bereits in Beedenbostel (1855), Winsen (1857), Uetze (1859), Wienhausen (1868), Eschede („Germania“, 1869), Hambühren („Freiheit“, 1869), Bergen b. Celle (1874), Wettmar („Germania“, 1883), Hänigsen (1883), Bröckel (1883), Oppershausen (1883), Langlingen (1885), Ahnsbeck (1886), Eversen (1888), Hermannsburg (1888), Klein Burgwedel (1890) und Wathlingen (1892) Männergesangvereine bestanden. Im Gegensatz zu den ältesten der genannten Vereine ging der M.G.V. Adelheidsdorf nicht aus einem Turnerverein hervor.

Der Männergesangverein M.G.V. Adelheidsdorf bestand von 1899 bis 1974. Danach „ruhte“ er. Als erster Dirigent wirkte der damalige Jung-Lehrer Karl Gudehus (1879-1948). 1924 wurde bei einem Rückblick herausgestellt, dass die Ehrenmitglieder und Gründer Friedrich Evers und Gustav Elvers damals die Versammlung einberufen und damit den Verein ins Leben gerufen hätten. Heinrich Kohrs als Präsident und Karl Gudehus als Dirigent schickten am 21. November 1899 die Statuten des neu gegründeten Vereins an das Königliche Landratsamt zu Celle mit der Bitte um Genehmigung. Zweck des Vereins: „Ausbildung seiner Mitglieder im vierstimmigen Männerchor und gesellige Unterhaltung derselben.“

In den ersten Jahren probte der Chor ausschließlich in der Müggenburg. Eins seiner ersten Lieder war „Ännchen von Tharau“. Am 10. Mai 1903 nahm der M.G.V. Adelheidsdorf erstmals an einem auswärtigen Sängerfest in Hänigsen teil. Grundsätzlich unterhielt der Verein gute Beziehungen zu seinen benachbarten Männerchören. So wurden zum Sommervergnügen am 30. August 1903 die Vereine Hänigsen, Schillerslage, Otze, Westercelle und Wathlingen zur Müggenburg eingeladen.

Matthias Blazek

Fortsetzung folgt

Autor: Matthias Blazek, geschrieben am: 06.09.2013       Artikel drucken