Irina Röder und Tochter Patrizia im Sommer 1989. Es ist eines der letzten Fotos vor ihrer Flucht. Foto: Eingesandt

„Alles was wichtig war, spielte keine Rolle mehr“

Im 20. Teil unserer Serie zum Mauerfall erzählt Irena Röder von ihrer dramatischen Flucht aus Dessau. Im Sommer 1989 machte sie sich, gemeinsam mit ihrem Bruder, ihrem Mann und der gerade 15 Monate alten Tochter auf den Weg nach Warschau. Doch nicht nur die Reise dorthin barg Gefahren, auch nach dem rettenden Sprung über den Botschaftszaun war das Abenteuer noch lange nicht vorbei.

CELLE. Als der Zug endlich wieder ins Rollen kam, brach die stundenlange Stille. Es war vorbei. Gerade noch hatte ihnen die Staatssicherheit ihre Pässe abgenommen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Menschen erhoben sich, alle Fenster wurden aufgerissen, „auf nimmer Wiedersehen!“, tönt es vielfach nach draussen, wo die letzten Kilometer vor der Westdeutschen Grenze vorbeiziehen. Ostgeld-Scheine fliegen im Wind davon und dann war es vorbei. Am Bahnhof Marienborn endet am 2. Oktober 1989 Flucht von Irena Röder und ihrer Familie. Schon im Alter von 18 Jahren hatte Röder ihren ersten Ausreiseantrag gestellt, ebenso ihre beiden Brüder. Im selben Sommer, es war 1984, wurde einer von ihnen bei einem Fluchtversuch verhaftet. Es sah schlecht aus für die Geschwister: „Wer einmal einen Ausreiseantrag gestellt hatte“, erinnert sich Irena, „der kam nicht mehr raus.“ Als sie eine Hochzeitseinladung nach Polen erhielten, versuchten Irina, ihr Bruder und ihr Mann dennoch erneut, ein Visum zu bekommen. „Ich kann es mir nicht erklären“, sagt Irina achselzuckend, als sie sich daran erinnert, wie sie nur drei Tage nach dem Antrag ihr Visum in den Händen hält. „Alles was vorher wichtig war, spielte keine Rolle mehr“, berichtet sie. Die drei packten ihre Sachen, auch die nur 15 Monate alte Tochter Patrizia sollte mitkommen. Am 25. September gegen Mittag fuhren sie los. Der Herbst hatte längst begonnen, es war kalt und nebelig. Zwölf Stunden später hatten sie Oberschlesien erreicht. „Man sah die Hand vor Augen nicht“, erinnert sich Irena. Abseits der Hauptstraße bewegten sie sich nur Meter für Meter vorwärts, immer an Rand eines Sees entlang. Endlich trafen sie auf andere Menschen, die ihnen den Weg zu den Verwandten zeigten. Tief in der Nacht erreichten sie ihr Ziel, früh am nächsten Morgen mussten sie weiter. „Wir haben das Auto bei meinen Verwandten im Stall versteckt“, lacht Irena. Ihr Cousin brachte die Familie nach Warschau. Wenigstens das Wetter hatte sich gebessert: „Die Sonne schien wie verrückt.“ Doch in Warschau hatten sie kein Glück: „Die Botschaft war zu diesem Zeitpunkt schon Maßlos überfüllt“, denkt sie an die hilflosen Stunden zurück. Bis zum späten Nachmittag saßen sie auf einer Mauer. Immer mehr Menschen kamen an, es herrschte gedrückte, angsterfüllte Stimmung. Als in der Dämmerung Gerüchte umgingen, dass bald alle weggebracht werden würden, reicht es den Röders: „Wir haben unsere Taschen genommen und sie über die Mauergeschmissen“, erzählt sie, „und dann sind wir hinterher.“ Sofort eilen ihnen andere Flüchtlinge entgegen, die Hilfsbereitschaft war groß. Nur bleiben konnten sie nicht. Noch in der selben Nacht wurden sie in ein Feriencamp gebracht. Als Hans-Dietrich Genscher wenige Tage später in der Prager Botschaft die Ausreiseerlaubnis verkündete, saßen auch in Warschau die Flüchtlinge vor dem Fernseher: „Wir haben so gehofft, dass das auch für uns gelten würde“, erinnert sie sich an die hoffnungsvollen Stunden. Um 22 Uhr am selben Abend hatten sie Gewissheit: „Wir sollten unsere Sachen packen“, berichtet Irena, „und dann fuhren wir zum Bahnhof.“ Der Schock saß tief, als sie am Bahngleis ankamen. „Ein DDR-Zug stand dort“, erinnert sie sich, „ich dachte, das könne unmöglich deren Ernst sein.“ Auf gar keinen Fall wollte sie in diesen Zug einsteigen. Man redete ruhig auf die Gruppe Flüchtlinge ein, dass der Zug wirklich nach Westdeutschland reisen würde und man auch für ihre Sicherheit sorgen könne. Schließlich stiegen sie ein, die Türen schlossen sich und die Reise in die Dunkelheit begann. „18 Stunden waren wir unterwegs“, erinnert sie sich, „auf dieser Reise musste ich zum ersten Mal in meinem Leben betteln.“ Die Röders hatten nichts mehr, nichts zum Essen, nichts zum Trinken, vor allem nichts für die kleine Patrizia. Ihr Weg führte sie zurück dahin, wo sie nie wieder hatte hinwollen: in die DDR. Am Rande der Bahnschienen standen Menschen, winkten ihnen zu. Kurz vor Marienborn hielt der Zug plötzlich an, Stasi-Mitarbeiter stiegen ein. „Ich hatte solche Angst“, erinnert sie sich. Man nahm ihnen die Pässe ab, dann hieß es warten. Plötzlich ging ein Ruck durch die Waggons, die Fahrt wurde fortgesetzt. Sie haben es geschafft. Nur zehn Tage später erreichen sie Celle, am 10. Oktober 1989, einen Monat vor der Wende. -Ihre Geschichte: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Sind Sie selbst aus der DDR geflohen? Welches emotionale Erlebnis verbinden Sie mit dem Mauerfall? Wir freuen uns auf Ihre Geschichte. Sie erreichen uns per E-Mail redaktion@cellesche-zeitung.de, per Fax (05141) 990112 oder per Post an Cellesche Zeitung Stichwort „Mauerfall“ Bahnhofstraße1-3 29221 Celle.

Autor: Isabell Prophet, geschrieben am: 19.10.2009       Artikel drucken