Manfred Leinemann mit einem Geschenk des russischen Dolmetschers Valerii – eine Keramik-Figur des Bären „Misha“, das offizielle Maskottchen der olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Foto: Peter Müller

„Trinken statt hochrüsten wäre besser gewesen“

Das Misstrauen zwischen Deutschen und Russen war im Januar 1990 noch sehr groß. Manfred Leinemann aus Winsen erzählt im 23. Teil unserer Serie zum Mauerfall von seinen Erlebnissen in der Nähe des Magdeburger Truppenübungsplatzes. Auf der Suche nach einem Lokal fand er sich plötzlich auf einer russischen Hochzeit inmitten von Soldaten und Offizieren wieder. Diese Gelegenheit war für ihn die Erlösung von jahrelanger Feindschaft.

WINSEN. „Ich wollte mal was in Ostdeutschland unternehmen“, erinnert sich Manfred Leinemann aus Eschede an seinen ersten Besuch in der sachsenanhaltischen Stadt Burg. Es war der 13. Januar 1990 und er war mit seinem Neffen und einem befreundeten Paar unterwegs. Sie entschieden sich schließlich für ein HO-Lokal. Drinnen war gute Stimmung, es wurde viel getanzt. Natürlich nur zu westlicher Musik, die von kleinen Schallplatten kam. Dort fiel dem damals 52-Jährigen plötzlich auf, dass er die Sprache der anderen Gäste gar nicht verstand. „Das konnte dann ja nur Russisch sein“, schlussfolgerte er. Von seinem Gastgeber Helmut erfuhr er, dass sie auf einer russischen Hochzeit gelandet waren. „Da kam ich dann ins grübeln“, erinnert sich der ehemalige Oberfeldwebel, „das waren dann ja früher meine Gegner gewesen!“ Dieser Gedanke war schnell überwunden: „Ich wollte ein mal mit einer russischen Frau tanzen“, erinnert er sich lachend. Helmut riet ihm ab, die Russen seien so eifersüchtig, dass so ein Tanz großen Ärger bedeuten konnte. Leinemann tanzte daraufhin lieber erstmal mit der Verlobten seines Gastgebers. „Dann kam plötzlich ein russisches Pärchen auf uns zu“, erzählt er, „die wollten einen Partnertausch machen.“ Die beiden Deutschen ließen sich nicht lange bitten. „So habe ich dann Stanislav kennengelernt“, denkt Leinemann zurück. Vor sich ein großes Glas Wodka saß der russische Oberstleutnant auf Leinemanns Stuhl und unterhielt sich mit dessen Gastgeber. Als der Westdeutsche dazu kam, winkte Stanislav kurz und tippte auf den Tisch. „Da kam sofort ein jüngerer Offizier dazu und setzte sich“, berichtet Leinemann. Valerii hieß dieser. Er hatte früher Verhöre für die Sowjetstreitkräfte durchgeführt und sprach fließend Deutsche. Jetzt sollte er dolmetschen. Die Russen waren nicht zimperlich mit ihren Gästen: „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Schnaps aus einem Wasserglas getrunken habe.“ Es blieb nicht bei dem einen. „Wir haben einfach getrunken und geredet“, erinnert sich Leinemann, „bis sie den Laden dann geschlossen haben.“ In den Gesprächen kam einiges zu Tage. Vor allem die Angst der Russen vor der Nato. „Die sind fest davon ausgegangen, dass die Nato sie bald angreifen würde.“ Leinemann versuchte zu argumentieren, „ich dachte erst, ich rede mich da noch um Kopf und Kragen.“ Dem war nicht so. Er verstand sich gut mit den gebildeten Offizieren und war erstaunt von deren Aufgeschlossenheit. Zuvor hatte der deutsche Reserveoffizier nur dann mit Russen zu tun gehabt, wenn er mit ihnen als Feinden konfrontiert war. „Das ganze System war nur darauf ausgerichtet, den Westen fertig zu machen“, stellte er in dieser Nacht wieder einmal fest: „Wir hätten lieber zusammen trinken sollen statt immer nur hochzurüsten. Dann wäre mit Sicherheit alles anders gekommen.“ Mehrere Gläser russischen Schnapses zeigten jedoch auch ihre Wirkung: Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er einen Kater, wie er ihn noch nicht erlebt hatte. „Am Ende waren wir alle nur Menschen und die Russen ja auch“, resümiert Leinemann heute, „ich bin froh, dass ich sie in dieser Nacht mal kennengelernt habe. Nach so langer Feindschaft war das wie eine Erlösung für mich.“ ●Ihre Geschichte: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Sind Sie selbst aus der DDR geflohen? Welches emotionale Erlebnis verbinden Sie mit dem Mauerfall? Wir freuen uns auf Ihre Geschichte. Sie erreichen uns per E-Mail redaktion@cellesche-zeitung.de, per Fax (05141) 990112 oder per Post an Cellesche Zeitung Stichwort „Mauerfall“ Bahnhofstraße1-3 29221 Celle.

Autor: Isabell Prophet, geschrieben am: 28.10.2009       Artikel drucken