Gülistan Güler verfolgt ihr Ziel

Nein, es ist kein Phänomen von 2016, dass Kurden als politisch Verfolgte aus der Türkei fliehen und in Deutschland um Asyl bitten. Schon 1994 hat ein ezidischer Familienvater dafür gesorgt, dass seine acht Kinder nach Deutschland reisen konnten und hier um Asyl baten. Mit dabei war seine Tochter Gülistan Güler.

Im Alter von acht Jahren kam sie gemeinsam mit ihren sieben Geschwistern zu ihren Onkeln und Tanten nach Celle. „Es war ganz schön eng hier“, erinnert sich Gülistan Güler an die erste Zeit in der Bahnhofstraße in Celle. „Wir hatten nicht zehn Zimmer für zehn Kinder, sondern einen Raum für uns alle.“

Gerade hat die junge Ezidin (30) ihre mündliche Prüfung mit Bravour bestanden: Master of Education. Damit hat sie die Befähigung für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen. Und schon vermittelt sie in der Albrecht-Thaer-Schule im Berufsvorbereitungsjahr 16- bis 18-jährigen jungen Flüchtlingen aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Syrien und aus afrikanischen Ländern die deutsche Sprache. Außerdem erteilt sie ihnen Sportunterricht.

„Ja, das ist ein bisschen verrückt, aber von der Schülerin bis zur Lehrerin habe ich alles an dieser Schule gemacht – das ist toll“, freut sich Güler über ihre eigene Entwicklung. „Und das sage ich auch immer meinen Schülern.“ So können sie sehen, dass es auch ihnen möglich ist, einen sehr guten Weg zu gehen: „Man kann das schaffen, macht das doch!“, ermuntert sie immer wieder ihre Schüler, doch auch ihren eigenen Weg zu gehen, „auch wenn man unsicher ist!“ Gerade das Fach Hauswirtschaft biete ganz tolle Aufstiegsmöglichkeiten, sagt sie.

Wenn sich Gülistan Güler an ihre Kindheit erinnert, betont sie zunächst das Angenehme: „Wir haben viel draußen gespielt.“ In der kleinen Dorfschule des Ortes habe sie aber auch Gewalt von ihren Lehrern kennen gelernt: „Wir wurden oft mit dem Lineal geschlagen – das war die Art, wie Pädagogik verstanden wurde.“

Die Mädchen durften ohnehin nur vier Jahre zur Schule gehen. „Auch meine Schwestern gingen nur vier Jahre zur Schule, denn meine Eltern hatten Angst, dass ihren Kindern etwas zustößt.“ Die nächste Schule wäre weit weg in Batman gewesen, und die Infrastruktur sei nicht gut ausgebaut.

Die Angst bewegte ihre Eltern auch dazu, alle acht Kinder in Begleitung von älteren Familienmitgliedern nach Celle reisen zu lassen. Per Überland-Linienbus ging es von Batman nach Ankara und dann mit dem Flugzeug nach Hannover. Von dort zu den Verwandten nach Celle. „Ein Teil unserer Verwandtschaft war bei Telefunken beschäftigt. Ihnen ging es gut.“ Dennoch war es in der ersten Zeit recht eng und bescheiden in der Wohnung.

Recht schnell haben sie aber als Eziden damals das Asylrecht bekommen. Ihre Eltern kamen im Wege der Familienzusammenführung nach einigen Monaten dazu.

„Morgen kommt ein neuer Himmel“, greift sie den Buchtitel der Autorin Lori Nelson Spielmann auf: „Da spiegeln sich alle meine Hoffnungen, Wünsche und Ziele wider“, sagt sie. „Denn auch mein Leben sehe ich wie ein Buch: Eines, das noch nicht zu Ende geschrieben ist.“ Ich identifiziere mich mit einer Frau, die auf dem Buchtitel einen Baum mit Symbolen betrachtet. Diese symbolisieren im Wesentlichen auch meine großen Lebenswünsche. Ein Mann, ein Herz als Zeichen für Liebe, ein Kinderwagen, der Eiffelturm als Symbol für Reisen und – dort nicht dargestellt, aber sowohl im Buch selbst als auch für mich von zentraler Bedeutung – die berufliche Erfüllung durch die Tätigkeit als Lehrerin.

Gülistan Güler gerät ins Philosophieren: „Nie hätte ich gedacht, dass ich den Weg zum Lehrersein erfolgreich beschreiten könnte. Denn wenn man die Weltkarte betrachtet und dabei seinen Blick in Richtung Süd-Osten der Türkei richtet, kann man sich ungefähr vorstellen, wo ich herkomme. Geboren bin ich zwischen den Bergen, die dort bis zum Himmel hinaufragen. Bis zu meinem achten Lebensjahr genoss ich dort das ländliche Leben und die Natur.“

Ja, ihre Mutter trägt Kopftuch. „Weil sie das auch von zu Hause so gewohnt ist“, sagt Güler. „Für die ältere Generation der ezidischen Frauen ist das Tragen von Kopftüchern normal, aber eben weil sie es noch so aus der Heimat kennen und nicht religionsbedingt.“ Güler allerdings ist da relativ offen und kleidet sich westeuropäisch. „Meine Familie ist auch bei der Berufswahl der Kinder sehr offen“, sagt sie und verdeutlicht, dass vier der neun Kinder eine universitäre Laufbahn erfolgreich abgeschlossen haben. „Welche Werte vertrete ich – worauf muss ich achten? – Das ist nicht immer einfach, das alles in Einklang zu bringen: Religion und freie Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung. Zwischendurch stellte sich für mich immer wieder die Frage, wie es beruflich weitergehen könnte. Aber ich hatte an Bildung und am Lernen Freude gefunden und wollte hiervon immer mehr.“

Kein Wunder, dass Gülistan Güler als Stipendiatin der Hertie-Stiftung ausgewählt wurde: „Horizonte“ heißt das Programm, durch das sie auch finanziell für zwei Jahre gefördert wird. Hinzu kommen Seminare und Workshops zu Themen, die in der Uni nicht behandelt werden: „Das ist noch ein zusätzliches Bonbon“, urteilt Güler. „Und wir Hertie-Stipendiaten treffen uns alle sechs Wochen.“

„Ich möchte als gutes Beispiel vorangehen und zeigen, dass Dinge möglich sind, von denen man selbst nicht geahnt hat, dass sie leistbar sind. Wichtig ist, zu verstehen, dass fast alles möglich ist und dass man sich nicht davor scheuen muss, Hilfe und Ratschläge anzunehmen, um seine Ziele zu erreichen.“

Gülistan Güler ist auf einem guten Weg: „Das Horizonte-Stipendium trägt entscheidend dazu bei, dass ich mein Lebensbuch weiter erfolgreich schreibe und auch für mich morgen ein neuer Himmel kommt.“

Lebenslauf

1986 In Besiri bei Batman im Südosten der Türkei als viertes Kind geboren

November 1994 Gemeinsame Ausreise der Kinder aus der Türkei zu Onkel und Tante nach Celle

Sommer 1995 Besuch der Sprachförderklassen in der Hehlentorschule, anschließend Orientierungsstufe in Klein Hehlen und Realschule Burgstraße

2005 bis 2008 BBS III Ausbildung zur Hauswirtschafterin

2008 bis 2010 Ausbildung zur hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin

2011 bis 2014 Bachelorstudium: Lehramt an berufsbildenden Schulen

2014 bis 2016: Masterstudium: Lehramt an berufsbildenden Schulen

2015 bis 2017 Stipendiatin der Hertie-Stiftung

seit 2016 Teilzeitlehrkraft an der BBS III Albrecht-Thaer-Schule

Autor: Lothar H. Bluhm, geschrieben am: 15.01.2017       Artikel drucken