Heimatpfleger und Naturliebhaber

Er hört seine Großmutter heute noch sagen‚ dass es Heuwetter ist. Jochen Köhler erzählt diese Geschichte gern und verweist auf den Hof und das Haus, wo es sich abspielte. Er hat den Ort, an dem seine Familie über Generationen ansässig ist, nicht gewechselt, lediglich auf den Hinterhof hat er sich mit seinem 1972 erbauten Eigenheim verzogen. Heuwetter bedeutete für den kleinen Jochen nichts Gutes, denn sein Geburtstag fiel in den Juni, Sonne und blauer Himmel hieß, es wurde nicht gefeiert. Der Junge akzeptierte es, Arbeit ging in den 40er und 50er Jahren vor. Es ist eine der weniger schönen Erinnerungen an seine Kindheit, und damit eine Ausnahme.

„Im Sommer wurde eine breite weiße Leinendecke über den riesigen Tisch gelegt, und dann aßen wir alle zusammen draußen unter der großen Kastanie“, blickt er zurück. „Meine Kindheit war herrlich, ich versuchte, Krähen das Sprechen beizubringen, wir bauten Buden, ich ging mit Opa und Oma in den Wald, Kronsbeeren zu kämmen, und lernte ganz schnell Schwimmen, als Vater mir verbot, zur Aller hinunterzugehen, weil ich noch nicht schwimmen konnte.“

Traditionen
bewahren

Viele weitere Aussprüche seiner Großmutter Minna sind dem 75-Jährigen noch präsent. „Sie hat Bilder in meinen Kopf gesetzt.“ So erzählte sie auf Plattdeutsch von den Winser Berufs-Flößern. Vom 14. Jahrhundert an bis 1914 transportierten diese zu einem Floß gebundene Baumstämme auf der Aller und der Weser zum Holzhafen nach Bremen. Den Rückweg absolvierten sie zu Fuß. „Das hat mich als Kind so beeindruckt“, berichtet Köhler, dass ihn als erwachsener Mann die Idee nicht mehr losließ, diese alte Tradition wiederzubeleben.

Das Terrain dafür war längst bereitet. Seiner Verbundenheit zu Winsen hatte der gelernte Elektroinstallateur bereits Ende der 70er Jahre gemeinsam mit neun Gleichgesinnten Ausdruck verliehen. Der sich auf den Dörfern vollziehende Wandel war unübersehbar. „Ein Bauernhof nach dem anderen ‚starb‘. Es kamen hier Leute aus Holland her, die bäuerliches Kulturgut aufkauften“, erläutert Köhler den Impuls zur Gründung des „Winser Heimatvereins“ im Jahr 1979. Man wollte Exponate des Landlebens zunächst sicherstellen und später sinnvoll der Öffentlichkeit präsentieren.

So kam es zum Aufbau des Winser Museumshofes, der eine für die südliche Lüneburger Heide typische bäuerliche Hofanlage mit sechs historischen Gebäuden darstellt, deren Entstehung auf die Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert zurückgeht. Köhlers Idee, die jahrhundertealte Tradition des Flößens vor dem Vergessen zu bewahren, passte zum Konzept, so dass sich der Arbeitskreis „Winser Flößer“ im Jahr 1997 problemlos integrieren ließ. Es ist typisch für Jochen Köhlers Tatkraft, dass er vor dem schwierigen Unterfangen, ein Floß nach historischem Vorbild zu bauen und den Ablauf originalgetreu nachzustellen, nicht zurückschreckte. „Da machen wir was draus, Rest kriegen wir beim Bügeln“, verkündete er oft und greift auch heute ab und zu, aber wesentlich seltener, darauf zurück.

Im Nachhinein gab ihm der Erfolg immer Recht, die mittlerweile regelmäßig durchgeführten Floßfahrten waren auch dem NDR-Fernsehen einen Bericht wert. An Ideen mangelte es dem Winser Urgestein während seiner 30-jährigen Mitgliedschaft im Vorstand des Vereins nie. „Im Sommer 2015 haben wir nachgespielt, wie man um 1900 zur Kirche fuhr oder ging, wie die Kleidung und die Fahrzeuge aussahen, welche Wege benutzt wurden, um zum Gottesdienst zu gelangen“, liefert er ein weiteres Beispiel für seine Kreativität, die er auch in den Dienst der museumspädagogischen Arbeit des Vereins stellte.

Gerne band er Schulen in die Arbeit mit ein, gab Anregungen für Kunstprojekte wie Fachwerk-Malerei und Ornamentik auf Kiefern-Pfählen, die den Museumshof kurzzeitig schmückten. „Ich will andere Leute begeistern und Freude bereiten“, lautet sein Credo, und auch der Spruch „Nich schnacken – taupacken“ charakterisiert ihn, überlagert jedoch ein bisschen eine andere von weit weniger Umtriebigkeit geprägte, eher meditative Seite.

Sich der Stille
hingeben

„So einen Moment, den vergessen Sie nicht mehr. Das geht direkt ins Herz. Glück und Zufriedenheit durchströmen Körper und Seele“, beschreibt Köhler das Gefühl, das ihn überkam, als er ganz früh morgens auf der Suche nach Fotomotiven für eine Ausstellung über das Moor Rotwild im Frühnebel, vor einem Wald stehend erblickte. Die Fotografin Anne Friesenborg hielt den Augenblick fest, die Aufnahme ziert nach dem Ende der Informationsveranstaltung im Grooden Hus sein Wohnzimmer. Fast jeden Tag hält er sich mittlerweile für einige Zeit in der Natur auf. „Ich bin nun mal so’n Naturheini“, fasst er das Bedürfnis, sich in einer Umgebung abseits von Menschen, Verkehr und Hektik aufzuhalten, in seine Worte. „Die Aller zum Beispiel hat mich schon immer interessiert.“

Mit seiner Frau Sigrid organisierte er Wanderungen, die bei den Vereinsmitgliedern sehr beliebt waren, mit Sohn Bernd und den Enkeltöchtern Marie und Klara unternahm er ausgedehnte Touren in die Heide. Ein Landstrich, der es ihm besonders angetan hat, wurde im Jahr 2012 Gegenstand einer weiteren Ausstellung auf dem Museumshof: „Die Heidmark, Wandel einer bäuerlichen Kulturlandschaft“. „Die Heidmark ist eine der schönsten Ecken überhaupt“, schwärmt der Naturliebhaber. Flora und Fauna des Gebietes, das 1935 zum militärischen Übungsareal für die deutsche Wehrmacht wurde und heute Teil des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne ist, faszinieren ihn, aber auch die Geschichte der Menschen, die früher dort lebten, lässt ihn nicht los: „Es gab dort Familien, deren Stammbaum bis ins 13. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist.“

Die Grenzen zwischen 25 Gemeinden wurden unter der Nazi-Herrschaft aufgehoben, die Bewohner zwangsumgesiedelt und ihre Wohnorte dem Erdboden gleichgemacht. „Ihr müsst eure Heimat verlassen!“, hieß es damals. „Das ist doch unvorstellbar“, sagt Jochen Köhler, und die Art, wie er es ausspricht, offenbart seine noch heute empfundene Empathie für die seinerzeit ihrer Wurzeln beraubten Menschen und damit die große Bedeutung, die Heimat für ihn in sich trägt.

Lebenslauf

20. Juni 1941 in Celle geboren

1956 bis 1959 Ausbildung zum Elektroinstallateur

1961 bis 1963 Bundeswehr

1962 Sigrid Riefenberg geheiratet

1963 Sohn Bernd geboren

1963 bis 1997 Mitarbeiter im Fernmeldeamt der Deutschen Post

1979 Mitbegründer des „Winser Heimatvereins“, 30-jährige Mitgliedschaft im Vorstand

1997 Arbeitskreis „Winser Flößer“ ins Leben gerufen

Autor: Anke Schlicht, geschrieben am: 24.02.2017       Artikel drucken