Ein Hauch von Afrika: Wie auf einem kenianischen Markt ging es in der Pause zu. Foto: Anke Schlicht

Celler Schüler schenken Zukunft

„Es gab nichts, kein Licht, kein Dunkel – nur Langeweile…“, beschreibt eine Stimme aus dem Off den Zustand der Welt, bevor der Schöpfer Hand anlegte. Dieser hatte ein Patentrezept gegen das Nichts. Die Aula der Oberschule Heese wird am Freitagabend mit jedem Auftritt eines Kindes bunter und heller. Erst steht die Sonne allein auf der Bühne, dann gesellt sich ihr Gegenstück hinzu, bis die Erde mit ihren Reichtümern fertig ist. Der Mann aus dem Off, Martin Knipper, hat die Mitglieder der Afrika-AG mit der „Afrika Sanza“, der Schöpfungsgeschichte, wie die Bantu sie ihrer traditionellen Philosophie entsprechend erzählen, vertraut gemacht.

HEESE. Das kleine Schauspiel und der getanzte „Waka Waka“ der Karaoke AG sind Höhepunkte des Afrika-Abends, aber das eigentliche Highlight ist die Pause. Eine von mehreren Besonderheiten dieser schon zur Tradition gewordenen Veranstaltung, die in den vergangenen zehn Jahren stets im Hermann-Billung-Gymnasium stattfand, und nun Premiere in der Oberschule feierte. „Projekte gehen oft zugrunde, wenn Kollegen in den Ruhestand verabschiedet werden“, sagt Schulleiter Sven Sievert zur Begrüßung der mit Eltern, Opas und Omas sowie Geschwisterkindern bis auf den letzten Platz besetzten Aula.

Im Falle des „Kenia-Projektes Gemeinsam für Bildung“ bestand diese Gefahr allerdings nie, was nicht verwundert, wenn man die beiden Urheber Antje Genzel und Martin Knipper in Aktion erlebt. Das Ehepaar ist fasziniert vom schwarzen Kontinent, übersieht aber bei all der Schönheit, die der Erdteil zu bieten hat, die Armut und den Mangel an Bildungsmöglichkeiten nicht. Genzel war noch Lehrerin an der Realschule Heese, als sie Ende der 90er Jahre bei Aufenthalten in Kenia Schüler auf dem Fußboden sitzen sah, Tische und Stühle gab es im Klassenraum nicht, zu sechst teilte man sich ein Schulbuch, die Gebäude waren nicht mehr als Bretterverschläge. Persönliche Begegnungen brachten ihr das Bildungssystem näher, das den Besuch von weiterführenden Unterrichtseinrichtungen und Colleges nur gegen Bezahlung vorsieht. Eine nicht zu bewältigende Hürde für einen großen Teil der Familien im Land und damit das Aus für die Entfaltung von Talenten und Verwirklichung von beruflichen Wunschträumen.

Das Wissen um die Problematik ließ Genzel nicht mehr los, zurück in Deutschland holte sie ihren Mann, Martin Knipper, seinerzeit Lehrer am HBG, ins Boot und gründete eine schulübergreifende Afrika-AG, die durch Herstellung und Verkauf von Schmuck, Töpferware und Bildern Geld sammelt, das mittlerweile 29 kenianischen Schülern zugutekommt. Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft, dieser Satz gilt weltweit. Mit sechzig Euro pro Monat ist der Besuch einer weiterführenden Unterrichtseinrichtung in Kenia gesichert.

„Djambo heißt Hallo, das haben wir gelernt, und dass es auf die Hautfarbe überhaupt nicht ankommt, alle Menschen sind gleich. Sonst basteln, töpfern und glasieren wir“, berichten Leonie und Meri (beide 11) von ihrer AG-Arbeit. Am Freitagabend stehen sie „auf dem Markt“, verkaufen Lose und erläutern ein wenig die ausgestellten Produkte am Stand. Das Konzept geht auf, es wird viel verkauft in der Pause.

Im zweiten Teil wartet Neues auf die Besucher. Die traditionelle Achse Deutschland-Kenia wird erweitert. Alexander Tomilovs Wurzeln liegen in Osteuropa, an der Oberschule eilt dem Zwölfjährigen der Ruf eines musikalischen Ausnahmetalentes voraus. Zu Recht, wie seine kurze Interpretation einer Melodie von Ennio Morricone am Klavier beweist.

Die Versteigerung von „Afrika Sanza“ wiederum – dieses Mal in gemalter Form – erfolgt nach dem amerikanischen Prinzip und führt nach Jordanien. Der letzte Hammerschlag fällt, der elfjährige Ali Alarabi holt das Bild von der Bühne und bringt es zu seinem Vater. Der aus Jordanien stammende Hussam Alarabi nimmt es in Empfang, 250 Euro hat er es sich kosten lassen, der Blick von Nahem enttäuscht ihn nicht. „Es ist sehr schön“. Der Hauptgrund für sein Mitbieten. Der zweite hat mit seiner Biographie als Emigrant zu tun: „Dass Ihr uns helft, das ist gut. Heute möchte ich ein anderes Land ein bisschen unterstützen.“

Autor: Anke Schlicht, geschrieben am: 12.11.2017       Artikel drucken