Typenporträt: Helmuth Reske Foto: David Borghoff

Helmuth Reske aus Wietzenbruch liegen Beziehungen zu anderen Menschen am Herzen

„Ehrenamtliche“, das weiß Helmuth Reske aus Erfahrung, „sind keine Handlanger. Sie wollen ihren Beitrag leisten, Verantwortung übernehmen. Gerade die Kirche braucht das Ehrenamt. Wie Martin Luther schon sagte: Es gibt auch ein Priestertum der Getauften. Die muss man ermutigen.“ Vielleicht ist der 83-Jährige deshalb mit gutem Beispiel vorangegangen, und hat sich lange Jahre im Wietzenbrucher Wilhelm-Buchholz-Stift als ehrenamtlicher Vorleser engagiert. „Es war eine schöne, erfüllende Zeit“, sagt der Pastor im Ruhestand. „Ich habe so ziemlich alles vorgelesen, Kurzgeschichten, Romane – manchmal habe ich sogar Geschichten erzählt.“

WIETZENBRUCH.

Die Liebe zur Literatur hat Reske schon früh entdeckt. Nach Krieg und Vertreibung fand sich der gebürtige Westpreußener mit seiner Familie in der Nähe von Diepholz in Niedersachsen wieder – und traf in der Volksschule auf einen Deutschlehrer, der seine Begeisterung für das Lesen weckte. „Der war fantastisch“, erinnert er sich. „Er hatte Theater und Dramaturgie studiert, und uns am letzten Tag vor den Ferien immer nach allen Regeln der Kunst vorgelesen.“

Kein Wunder also, dass sich der damals 21-Jährige nach seinem Abitur erst einmal für ein Lehramtsstudium entschied. „Ich wählte Germanistik im Haupt- und Theologie im Nebenfach“, erzählt Reske. „Vor allem mein Onkel, zu der Zeit übrigens Leiter in Lobetal, hatte mich dazu ermutigt.“ An der Universität in Hamburg traf der junge Student dann auf den bekannten evangelischen Theologen Helmut Thielicke, der ihn bald zum Wechsel seines Studienfaches inspirierte. „Thielicke hat regelmäßig zu offenen Abenden eingeladen“, berichtet der ehemalige Pastor. Er lacht. „Interessant für uns war vor allem, dass es dort immer belegte Brötchen gab – da sind wir als ausgehungerte Studenten natürlich besonders gern gekommen.“

Für einen Pastor
eigentlich zu schüchtern

Geprägt durch das Aufwachsen in einem christlichen Elternhaus, und zunehmend vom theologischen Denken fasziniert, wechselte Reske 1956 an die Universität in Göttingen. „Ich habe dann mit dem Theologiestudium begonnen“, sagt er – und verrät, dass er sich selbst zunächst eigentlich als viel zu zurückhaltend empfunden habe, um Pastor werden zu können. „Ich war von Natur aus schüchtern und konnte mir nicht vorstellen, wie ich zu so vielen Menschen sprechen und sie dabei vom Glauben überzeugen sollte.“ Der 83-Jährige schmunzelt, wenn er daran zurückdenkt. „Und dann fiel mir ein: Das musst Du ja auch gar nicht – wenn Menschen glauben, geschieht das durch Gott.“

Im Studium habe er zum ersten Mal erlebt, was für ein Geschenk Gemeinschaft sei, erinnert sich der Wietzenbrucher. Und überhaupt ist Reske jemand, dem Beziehungen zu anderen Menschen sehr am Herzen liegen: „Die Freundschaft besteht heute noch“, oder „Seinen Lebensweg habe ich über all die Jahre verfolgt“ sind Sätze, die immer wieder fallen, wenn der gebürtige Westpreußener von ehemaligen Studien- oder Arbeitskollegen spricht, die ihm im Lauf seines Lebens begegnet sind. „Jeder Mensch ist etwas Einmaliges, etwas Besonderes“, sagt er. „Durch jede Begegnung empfange ich etwas, werde mit etwas beschenkt.“

Im Sommer 1968, mittlerweile verheiratet und Vater eines Sohnes, zog Reske nach Celle. „Erst habe ich als junger Pastor in Lobetal gearbeitet, gemeinsam mit den Ärzten, Psychologen und Pädagogen. 1972 habe ich dann die evangelische Gemeinde Oldau-Ovelgönne übernommen.“ Eine herrliche Zeit, eine Aufbruchszeit sei das gewesen, so der 83-Jährige. „Zu der Zeit hatte die Gemeinde ja noch keine Kirche, nur eine Kapelle in dem einen und eine Baracke in dem anderen Ortsteil.“ Wieder muss Reske schmunzeln. „Zur Baracke hat meine Frau immer gesagt: Das ist Bethlehems Stall.“

1978 folgte Reskes Berufung zum Superintendenten, und mit der Familie, zu der inzwischen noch eine Tochter hinzugekommen war, ging es nach Winsen/Luhe. „Mir war es immer wichtig, zur Hälfte noch Gemeindepastor zu sein“, erklärt er. „Ich finde, es ist das Schönste, wenn man nicht nur die traurigen Situationen teilt, sondern auch die fröhlichen – und zwar mit Menschen allen Alters.“

Doch: Wo Menschen sind, da sind auch Auseinandersetzungen – die Arbeit als Superintendent sei zwar spannend gewesen, aber auch reichlich konfliktträchtig, so Reske. „Ich wollte nicht immer der Troubleshooter sein, also nahm ich das Angebot der evangelischen Landeskirche an, für das Haus kirchlicher Dienste zu arbeiten.“ Wie könne die Kirche den Menschen heute mit der christlichen Botschaft erreichen – mit dieser Frage habe er sich letztlich bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand beschäftigt. „Ich bin durch die ganze Landeskirche gereist, habe Bibelkreise besucht und Vorträge gehalten. Die Bemühung um den Einzelnen kostet eben viel Zeit.“

Und dennoch hat Reske nie aufgehört, sich diese Zeit zu nehmen – zuletzt als ehrenamtlicher Vorleser im Buchholzstift in Wietzenbruch. „1990 bin ich mit meiner Frau zurück nach Celle gezogen, wir haben dort gemeinsam mit meinen Eltern gebaut“, erzählt er. Das Vorlesen im Buchholzstift habe eigentlich ganz klein angefangen: „Als meine Mutter nach einem Schlaganfall dort ein Zimmer bezog, habe ich sie jeden Tag besucht. Aber es gibt ja nicht jeden Tag etwas Neues zu berichten, also erzählt man sich irgendwann immer wieder dieselben Geschichten. Und da begann ich damit, ihr vorzulesen.“

Das sprach sich herum – bald kamen immer mehr Senioren vorbei, die Reske beim Vorlesen zuhören wollten. „Das Zimmer wurde schließlich zu voll, also fragte ich bei der Leitung nach, ob wir nicht einem Raum zum Vorlesen bekommen könnten – so ist der Vorlesekreis schließlich entstanden.“ Von den ehemals 15 Zuhörern seien zuletzt aber nur noch drei geblieben, sagt Reske abschließend. „Im Frühjahr 2012 haben wir schließlich aufgehört, nachdem unsere älteste Teilnehmerin mit 103 verstorben ist.“

Autor: Christina Matthies, geschrieben am: 21.11.2017       Artikel drucken