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Altersarmut betrifft viele Celler Frauen

Die Rentenkasse ist so gut gefüllt wie lange nicht und dennoch ist die Altersarmut in Deutschland unaufhörlich auf dem Vormarsch. Immer mehr Senioren und Früh-Rentner sind auf Grundsicherung angewiesen. Im Landkreis Celle stieg deren Zahl in den vergangenen zehn Jahren um 28 Prozent.

CELLE. „Der Landkreis zählte zuletzt 2399 Bezieher von ‚Alters-Hartz-IV‘“, teilte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Nun soll eine Neuerung den Betroffenen zusätzlich zur Grundsicherung etwas mehr Geld in die Taschen bringen: Die Betriebsrente darf nicht mehr voll auf die Grundsicherung angerechnet werden.

„Stattdessen gibt es Freibeträge, durch die einige Rentner etwas mehr Geld zur Verfügung haben“, erklärt die Leiterin im Sozialberatungszentrum Sabine Kellner. Seit 28 Jahren arbeitet Kellner in der Einrichtung; in den vergangenen sechs Jahren beobachtete sie einen Anstieg der Altersarmut. Vor allem seien immer mehr Frauen auf eine Grundsicherung angewiesen. „Die Mutti ist zu Hause geblieben, bis die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, und hat dann wieder gejobbt, aber kaum in die Rentenkasse eingezahlt. Das sind die Klassiker“, so Kellner. Die deutsche Rentenversicherung kann dieses gesellschaftliche Phänomen mit konkreten Zahlen belegen. Ende 2015 bekamen 16.459 Männer und 21.816 Frauen im Landkreis Celle ihre Rente. Während die Männer im Durchschnitt mit einer Rente von mehr als 1000 Euro rechnen konnten, bekamen die Frauen gerade einmal knapp 600 Euro.

Die Cellerin Gudrun Amsel (Name von der Redaktion geändert) bekommt auch eine sehr kleine Rente von weniger als 600 Euro. „Es gab Jahre, da fanden viele Frauen keine Arbeit. Außerdem mussten sie sich ja um die Kinder kümmern“, erzählt die 80-Jährige. Während ihr Mann als Anstreicher arbeitete, blieb sie die meiste Zeit zu Hause bei den vier Kindern. In die Rentenkasse zahlte die Cellerin daher nie besonders hohe Beträge ein. Nun lebt Amsel am Existenzminimum und bekommt seit dem Tod ihres Mannes auch dessen Rentenanteil, um über die Runden zu kommen. Während die Grundsicherung die 80-Jährige finanziell unterstützt, profitiert Amsel von den neuen Freibeträgen nicht. Sie arbeitete nie in einem Betrieb, wo ein tariflicher Altersvorsorgevertrag galt.

Auch den Rentnern, die Kellner betreut und berät, bringt die Änderung wenig. „In meinen ganzen Jahren habe ich niemanden gehabt, der überhaupt eine Betriebsrente bekommt“, sagt die Leiterin. Zu ihr kämen vor allem finanziell Bedürftige, die vorwiegend kleinere Jobs ausgeübt haben.

Ihre Rente ist so niedrig, dass sie zwingend auf die Grundsicherung angewiesen sind. Ein Leben im Alter in Saus und Braus? Selbst für Senioren mit einer höheren Rente meist undenkbar. Dabei erscheint die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage – also der Überschuss in der Rentenkasse – mit etwa 32 Milliarden Euro auf den ersten Blick recht komfortabel. „Doch diese Rücklage dient dazu, die Rentenzahlungen auch im Falle von Einnahmeschwankungen sicherzustellen“, so die Pressestelle der Deutschen Rentenversicherung. Aufgrund des demografischen Wandels werde die Nachhaltigkeitsrücklage je nach wirtschaftlicher Entwicklung in den nächsten Jahren immer stärker zurückgehen.

Die Freibeträge und die Grundsicherung werden neben der gesetzlichen Rente künftig nicht ausreichen, um vor Altersarmut halbwegs gewappnet zu sein. Laut dem Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung ist eine Steigerung der Rente um insgesamt rund 36 Prozent bis zum Jahr 2031 zu erwarten. Man solle sich daher eine zusätzliche Vorsorge aufbauen.

Autor: Audrey-Lynn Struck, geschrieben am: 03.01.2018       Artikel drucken