Foto: David Borghoff

Verstoßene Lämmchen bekommen die Flasche

Hungrig stürzen sich die Lämmchen Lotta und Lisa auf die Milchflasche, die ihnen Schäfer Carl Wilhelm Kuhlmann hinhält. Die beiden trinken so hastig, dass sich einige Milchspritzer in ihrem Fell verteilen. Hofhund Paula ist begeistert und schleckt zufrieden die kleinen Mäuler ab, um selbst auch noch ein paar Tropfen der warmen Milch zu ergattern.

NIEDEROHE. Jedes Jahr bekommt Kuhlmanns 500-köpfige Heidschnuckenherde ab dem 1. Januar täglich Nachwuchs. „Das folgt nach einem ganz festen Schema. Heidschnucken tragen etwa fünf Monate“, sagt Kuhlmann. Die acht Zuchtböcke werden extra am 1. August zu den Muttertieren gelassen, sodass Anfang Januar die ersten Lämmer zur Welt kommen. Spätestens Anfang April, Mai sollen die Tiere dann das erste Mal nach draußen. „Das erste Grüne ist nämlich das beste Futter und ist besonders Eiweiß- und Vitaminreich“, weiß Kuhlmann.

Da die Herde ganzjährig draußen ist, werden die meisten Lämmer auch draußen geboren. „Sobald das Lamm auf die Welt gekommen ist, schleckt die Mutter das Kleine trocken und bietet Schutz und Nahrung“, so Kuhlmann. Während die beiden genau an der Stelle stehen bleiben, wo die Geburt stattgefunden hat, ziehen die restlichen Schafe auf der Suche nach Fressen weiter. „Denn die Herde ist wichtiger als jedes Einzeltier“, erklärt der Schäfer den Gedankenprozess der Heidschnucken. Oft bekäme er daher Anrufe besorgter Wanderer, die fragen, ob er ein Schaf auf der Weide vergessen habe.

Spätestens am Abend sammelt der 54-Jährige dann Schaf und Neugeborenes ein und bringt sie in einen extra Stall. Dort verbringen sie eineinhalb Tage, es wird geguckt, ob die Mutter frisst und das Lamm trinkt. „Wichtig ist, dass das Lamm einmal Biestmilch trinkt. Da sind besondere Antikörper drin“, so Kuhlmann. Anschließend kommen sie zu den anderen Schafen, die bereits gelammt haben. In der Gruppe von etwa 50 bis 60 Muttertieren bleiben die Tiere zwischen sechs und acht Wochen, ehe sie wieder mit nach Draußen dürfen.

Etwa 15 bis 18 Prozent der geborenen Lämmchen sind Zwillinge. Sie kommen mit ihrer Mutter in einen extra Stall. Außerdem hat Kuhlmann momentan drei Lämmer, die von ihrer Mutter verstoßen wurden – darunter Lotta und Lisa. Damit die Tiere dennoch überleben, werden sie mit der Flasche groß gezogen. „Die Lämmer haben auch später eine ganz besondere Bindung zum Menschen“, sagt der Niederoher. Unter den etwa 450 Lämmchen, die jedes Jahr geboren werden, bekommen pro Saison zwischen 15 und 18 Tiere die Flasche.

Obwohl Kuhlmann schon seit 25 Jahren den Heidschnuckenhof führt, freut er sich jedes Jahr aufs Neue auf die Lämmer. „Es ist toll zu sehen, wie sie größer werden. Außerdem arbeite ich ja das ganze Jahr daraufhin, dass die Lämmer kommen.“ (als)

Autor: Audrey-Lynn Struck, geschrieben am: 02.02.2018       Artikel drucken