Wietze-Prozess: Vorleben der Angeklagten beleuchtet

Das Landgericht Lüneburg, das derzeit den versuchten Mord an einem Autohändler aus Wietze aufarbeitet, beleuchtete am fünften Sitzungstag das strafrechtliche Vorleben der Beschuldigten. Zu Prozessbeginn räumten die beiden Männer die Vorwürfe im Kern ein. Demnach dirigierte ein 20-Jähriger den US-Car-Händler in den späten Abendstunden des 23. Juli vorigen Jahres unter einem Vorwand aus den Verkaufsräumen nach draußen und feuerte mit einer Maschinenpistole auf den Oberkörper. Der 41-jährige Komplize deponierte die Waffe vor dem Verkaufsraum.

WIETZE.

Arztberichte, polizeiliche Vernehmungsprotokolle und Urteile vorangegangener Verfahren boten einen Einblick in zwei bewegende Schicksale, die dem Vorstrafenregister der Angeklagten zuzuordnen sind. Das Martyrium einer 25-Jährigen dauerte 344 Tage und begann zunächst verheißungsvoll. Die Frau lernte auf ihrem Geburtstag im Sommer 2006 in einem Restaurant den 41-jährigen Angeklagten kennen. Der Gastronom wandte all seinen italienischen Charme an – die Taktik ging auf. Er manipulierte die Krankenschwester geschickt während einer Reise nach Fuerteventura und schickte sie nach der Rückkehr zunächst in ein Penthouse in Laatzen und später im Steintorviertel in Hannover auf den Strich. Sie musste sich bei einem Tätowierer in Bremen seinen Vornamen auf die Hand stechen lassen.

Die Methoden im Rotlicht ließen ihren Widerstand schnell brechen. Kolleginnen aus dem Bordell und mehrere Freier schöpften Verdacht, dass etwas nicht stimmt, und brachten jede Beobachtung zu Papier. Der Brief gelangte schließlich an die Polizei. Als die Ordnungshüter im Juli 2007 von den Grausamkeiten Kenntnis erlangten, fuhr ein Streifenwagen zur angegebenen Adresse. "Ihre Körperhaltung steif, ihr Blick starr. Sie weinte und sprach kurze Sätze", vermerkten die Beamten. Den Peiniger schickte das Landgericht Hannover nach langer Beweisaufnahme und zwei Prozessen im März 2010 wegen Menschenhandel für sechs Jahre und acht Monate ins Gefängnis.

Auch der 20-Jährige Hauptangeklagte im aktuellen Wietze-Verfahren hat Erfahrungen mit Vorstrafen. Wenige Wochen vor den Schüssen musste er sich mit zwei Brüdern wegen gefährlicher Körperverletzung vor einer Strafkammer in Lüneburg verantworten. Die Richter verurteilten ihn zu einem dreiwöchigen Dauerarrest und ordneten die Teilnahme an einem Anti-Gewalt-Training an. Schon damals ging es um eine Beziehung seiner Schwester. Zur Erklärung: Zu Beginn des aktuellen Prozesses hatte der Angeklagte ausgesagt, dass er aus Sorge um sie den Autohändler umbringen wollte.

Der damalige Lebensgefährte gab der Frau den Laufpass. Der Heranwachsende lotste den Mann am 11. Juni 2015 an die Maschseepromenade in Hannover. Dort angekommen, schlug das Trio mit Wasserwaagen und Schlagstöcken auf den Geschädigten ein. Das Opfer erlitt schwere Verletzungen und brachte sich ein halbes Jahr nach der Attacke um.

An Tag sechs der Hauptverhandlung trat ein Ermittler der Mordkommission "Dea" der Celler Kripo in den Zeugenstand und berichtete, dass bei der Durchsuchung der Wohnung des Geschädigten versteckt unter einem Teppich ein Pistolenmagazin auftauchte. Außerdem wurde bekannt, dass unbekannte Täter kurz nach dem Anschlag in die Räumlichkeiten des Geschäftsmannes einbrachen und eine Speicherkarte der Überwachungskameras mitnahmen. Der Prozess geht am Freitag weiter.

Autor: Benjamin Reimers, geschrieben am: 20.02.2018       Artikel drucken