ESV Fortuna Celle: Bitteres Ende einer Erfolgsgeschichte

Das allererste Regionalliga-Tor für ESV Fortuna: Allerdings war nicht Lisa Zimmermann (rechts) die Torschützin zum 1:1 gegen Immenbeck, sondern Vivien Wittrin (nicht im Bild), deren Flanke sich unhaltbar ins gegnerische Tor senkte. Foto: Gert Neumann (Archiv)

Stillschweigend kam das Ende. Es hat niemanden mehr geschockt, als sich die Damen des ESV Fortuna Celle Mitte Mai aus der Fußball-Regionalliga Nord verabschiedet haben. Die Erfolgsgeschichte begann 2003 in der 2. Kreisklasse und führte über Bezirks-, Landes- und Oberliga mit dem Einzug 2013 in die dritthöchste Frauenfußballklasse. Plötzlich war Fortuna das erfolgreichste Celler Fußballteam. „Der Aufstieg war mein sportlicher Höhepunkt“, sagt ESV-Allrounderin Jana Völker. Die 27-Jährige trägt seit 18 Jahren das Trikot des Teams von der Kampstraße. In der kommenden Saison wird sie für ihren Heimatverein SSV Südwinsen auflaufen.

CELLE. Es war der Zusammenhalt, die Verbundenheit, nicht nur auf dem Platz, ein unvergleichlicher Teamspirit, der den Werdegang dieser Fußballerinnen zu einer Besonderheit gemacht hat. Nun steht der ESV vor einem harten Umbruch: Die erste Mannschaft hat sich aufgelöst, die bisherige Reserve wird hochgestuft. Es ist das Ende einer Ära. Doch wie konnte es dazu kommen? Eine Spurensuche.

Zerfall kam
nicht plötzlich

Der Zusammenbruch kam nicht plötzlich, es war ein Ende auf Raten, das wenig überraschend kam. Ein Großteil der Mannschaft hatte bereits vor zwei Jahren mit dem Gedanken gespielt, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. „Ich bin für die Mannschaft geblieben“, sagt Mittelfeldstrategin Maike Dralle. Ihr ging es darum, den Zerfall des Teams aufzuhalten, „auch wenn sich dies letztendlich nicht verhindern ließ“, sagt die 29-Jährige. Beruf und Familie hätten jetzt erst einmal Vorrang – doch ein Türchen lässt sich die Rathausmitarbeiterin für den Fußball offen, wenn sie von einer „Pause“ spricht. „Vielleicht kribbelt es in einem halben Jahr wieder in den Füßen“, so Dralle. Ein „Anlaufpunkt“ könnte wieder der Rasenplatz an der Kampstraße sein, denn mit Lisa Zimmermann, Laura Kantert und Sinja Jaskulla bleiben drei Regionalliga-Stammspielerinnen bei Fortuna.

„Ich konnte mir nie vorstellen, woanders zu spielen“, sagt die Torjägerin Zimmermann. Habe sie ja auch noch nicht, fügt die 28-Jährige hinzu, die seit ihrem zehnten Lebensjahr für Fortuna stürmt. Auch den Verbleib der beiden jungen Spielerinnen Lea Krug und Aileen Holz bestätigte ESV-Spartenleiter Jens Klebe. Seine Tochter Celina Klebe zieht es zum TSV Bemerode, Torhüterin Katharina Mattus geht zum HSC Hannover. Melissa Verseck und Isabel Waßmann wechseln zu Hannover 96. „Egal in welcher Liga – der Aufstieg ist das Ziel“, sagt Spartenleiter Klebe. Er bleibt im Amt und rechnet sich für die kommende Saison gute Chancen aus. In welcher Klasse die neu formierte erste Mannschaft dann antreten wird, ist noch nicht klar. Nach dem Abstieg der zweiten Mannschaft aus der Bezirksliga ist eigentlich der Gang in die Kreisliga vorgegeben. „Da einige Teams zurückgezogen haben, könnte es aber sein, dass wir weiterhin im Bezirk spielen“, glaubt Klebe.

Keine finanzielle Unterstützung

„Im Fußball wird häufig der Verein gewechselt“, sagt die langjährige Spielführerin Sarah Konrad, „aber unser Grundkern der Mannschaft spielt seit 18 bis 19 Jahren zusammen.“ Anfangs vom Glück geküsst, entsagte den Fortunen ihre Schicksalsgöttin etwas die Unterstützung. Die Trainerfrage, schwierige Trainingssituation, ein zu kleiner Kader für eine Regionalligamannschaft und fehlender adäquater Nachwuchs zeichnete sich in Fortunas Abwärtstrend ab. „Aus dem Umland können wir keine Spielerinnen bekommen, die uns weiterhelfen“, sagt Spartenleiter Klebe. Kickerinnen aus Hannover seien meist durch „Vitamin B“ der Trainer oder der vorhandenen Spielerinnen nach Celle gelockt worden. Doch Klebe geht weiter und kritisiert die momentane Mentalität des Nachwuchses: „Sie wollen Bundesliga spielen, einmal in der Woche trainieren und am liebsten direkt neben dem Platz wohnen.“ Finanzielle Unterstützung könne der Klub den Spielerinnen nicht geben. „Wir sind nur ein kleiner Verein in Celle“, so Klebe. Man habe immer von der Hand in den Mund gelebt. Der einzige Luxus, den man sich geleistet habe, sei der gemietete Bus zu Auswärtsspielen – die teilweise bis zu rund 215 Kilometer entfernt waren – gewesen.

Ex-Trainer übt Kritik an Entwicklung

Klaus Much war fünf Jahre lang Trainer der ESV-Damen. Er führte die Mannschaft von der Oberliga in die 3. Liga und den DFB-Pokal. Und findet das komplette Auseinanderbrechen des Teams nach dem Abstieg traurig. Als er selbst „Abnutzungserscheinungen“ in seinem Verhältnis zu den Spielerinnen bemerkte, verließ er den Klub vor zwei Jahren im Guten. „Ich habe eine goldene Zeit bei Fortuna gehabt. Die Leistungsträgerinnen waren alle 21, 22 Jahre alt und hatten richtig Lust, was zu reißen. Das hat Mega-Spaß gemacht“, erinnert sich Much, der bis heute einen guten Draht zu vielen seiner früheren Schützlinge hat – auch privat. „Ich war bis zuletzt sehr nah dran am Geschehen“, meint der 51-Jährige, der seit seinem Weggang die Männer des SV Weetzen (Region Hannover) in der Kreisliga trainiert.

Und er sagt einen provokanten Satz. „Wenn ich bei Fortuna geblieben wäre, würden die Mannschaft noch in der Regionalliga spielen.“ Seine Kritik: „Ich habe einen intakten Kader übergeben. Aber man muss immer wieder aufs Neue frische Leute holen, die der Mannschaft weiterhelfen, Talente einbauen und sie begleiten – so hält man die Klasse.“ Dazu müsse man rührig sein, zu den Leuten hinfahren oder bei den Eltern der jungen Spielerinnen auf dem Sofa sitzen und sie von einem Wechsel überzeugen. „Wenn kein Geld gezahlt wird, kommt von alleine keine Spielerin mit Drittliga-Niveau nach Celle. Und nur mit Kreisliga-Mädchen kann man ein Regionalligateam nicht auffüllen. Das geht in die Hose.“

Freundschaften
bleiben bestehen

„Es tut weh, aber wir hatten keine Chance mehr auf dem Niveau“, bilanziert Zimmermann. Auch Konrad, die sich nun auf ihr berufsbegleitendes Masterstudium konzentrieren will, sieht in der Altersstruktur den Unterschied. „Die anderen Teams sind jünger“, sagt die Sozialarbeiterin mit Blick auf das Potenzial der Nachwuchskicker anderer Klubs. Sportlich schwierig, dafür menschlich top, da sind sich die vier Spielerinnen einig. „Trotz der Probleme war die Stimmung im Team unglaublich gut“, sagt Dralle. Völker ergänzt: „Wir waren keine zusammengewürfelte Mannschaft, sondern ein festes Team.“ Die Freundschaften werden auch über den Fußball hinaus bestehen, da sind sich die Fortunen einig.

Auf sportlicher Ebene steht nun die SG Bröckel/Langlingen an der Spitze des Celler Frauenfußballs. Zweimal hintereinander aufgestiegen, spielt die Elf von Trainer Nico Strehl kommende Saison in der fünftklassigen Landesliga. Wer weiß, vielleicht entwickelt die SG eine Dynamik, wie sie einst beim ESV herrschte – und der Kreis Celle hat in ein paar Jahren wieder ein Frauenteam in der Regionalliga. Dass das auch ohne einen riesigen Saisonetat möglich ist, haben die Fortuninnen über Jahre hinweg bewiesen.

Katharina Baumgartner Autor: Katharina Baumgartner, am 21.06.2018 um 17:48 Uhr
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Im Landespokalfinale scheitert der damalige Oberligist aus Celle am 3. Juni 2012 mit einem 1:2 gegen VfL Wolfsburg II. Da die Wölfinnen im DFB-Pokal als Reserveteam der Bundesligamannschaft nicht antreten dürfen, übernehmen die Cellerinnen ihren Startplatz. Als erste Frauenfußball-Mannschaft der Herzogstadt treten die Fortuninnen im DFB-Pokal an – und das direkt gegen einen Bundesligisten, den FSV Gütersloh. Mit ihrem couragierten Auftritt am 25. August 2012 begeisterten die Celler Frauen 540 Zuschauer im Günther-Volker-Stadion – trotz der 0:8-Niederlage. Im Relegationsspiel zwischen den Meistern den Oberligastaffeln Ost und West, ESV Fortuna Celle und SV Meppen II, am 25. Mai 2013 schießt Fortuna-Stürmerin Lisa Zimmermann einen Hattrick zum 3:2-Sieg. Celle hat den Landestitel und den damit verbundenen Regionalligaaufstieg sicher. Ihre Auftaktpartie in der Regionalliga am 8. September 2013 verlieren die Cellerinen gegen Holstein Kiel mit 0:3. Den ersten Erfolg in der 3. Liga feiert Fortuna am 22. September 2013 gegen Eintracht Immenbeck. Das erste Tor in Fortunas Regionalliga-Geschichte erzielte Vivien Wittrin. In ihrer ersten Saison in der 3. Liga 2013/14 belegt Fortuna den dritten Platz, in den folgenden drei Saisons sichert sich die Fußballerinnen von der Kampstraße jeweils den siebten Tabellenplatz, in der letzten Saison, 2017/18, verabschieden sie sich als Vorletzter auf Rang elf aus der Liga. Genau 200 Treffer versenkten die Cellerinnen in den insgesamt fünf Regionalliga-Spielzeiten im gegnerischen Tor. Fortunas erfolgreichste Drittliga-Goalgetterin ist Lisa Zimmermann, die 54 Mal zum Torjubel ansetzte. Saskia Knorr stand in der Saison 2017/18 1887 Minuten auf dem Rasen. Damit hat sie bei ihren 21 Einsätzen lediglich drei Minuten nicht gespielt.  Den höchsten Regionalliga-Sieg feierte Fortuna gegen den FC. St. Pauli am 27. November 2016: Lisa Zimmermann schlug vier Mal zu, Inga Domrich erhöhte zum 5:0-Endstand.

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