Ehemalige Celler Chefärztin tötete Kinder

Erst im Oktober dieses Jahres sind diese Stolpersteine am Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort verlegt worden. Sie erinnern… Foto: Thomas Krenz

Sie war die Frau an der Seite des kürzlich in Celle verstorbenen einstigen Hitler-Adjutanten Fritz Darges. Das Andenken an Dr. Helene Darges-Sonnemann wird in Celle als Retterin von 300 Hamburger Kinderpatienten und spätere Chefärztin der AKH-Kinderabteilung in Ehren gehalten. Doch wie ihr Mann hat auch sie eine „braune“ Vergangenheit. Sie war unter ihrem Mädchennamen Helene Sonnemann Teil der Vernichtungsmaschinerie des NS-Reiches.

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CELLE. Die Frau des letzten verstorbenen Hitler-Adjutanten Fritz Darges hat nicht nur Kinder geheilt, sie hat während der NS-Zeit auch Kinder getötet. Hildegard Thevs, Biologie- und Religionslehrerin im Ruhestand, erforscht zusammen mit der Kinderärztin Dr. Käte Böttcher seit Anfang des Jahres die Kindermorde am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Dort wurden nachweislich während der fünf Kriegsjahre von 1940 bis 1945 mindestens 56 Kinder getötet. Im Hamburger Krankenhaus sei im Rahmen des so genannten Reichsausschuss-Verfahrens nach einem streng vorgegebenen Verfahren gemordet, so Thevs. Betrachtet wurden dabei schwer behinderte Kinder, die bei ihren Eltern lebten. Sie wurden zur Beobachtung mit den dabei üblichen oft sehr belastenden Untersuchungen teilweise wiederholt ins Krankenhaus eingeliefert und wieder nach Hause entlassen, bis nach damaliger Beurteilungslage feststand, ob ihr Leiden angeboren oder erworben war. Die Intention der Nazis war, die Mütter im letzten Fall dazu zu bewegen, im Sinne der NS-Bevölkerungspolitik weitere Kinder zu gebären. Geheimes Verfahren: Dass all diese lange Zeit zurückliegenden Vorkommnisse erst heute nach und nach ans Licht kommen, liegt laut Thevs vor allem daran, „weil das Reichsausschuss-Verfahren gegenüber der Anstalts-Masseneuthanasie kein einfaches Motiv erkennen lässt, die heikelste Opfergruppe betrifft, verschleiert und geheim gehalten wurde, so dass nur ganz wenige Menschen davon gewusst haben“, sagt Thevs, „und äußerst komplex und bürokratisch war.“ Die rechte Hand: Die ehemalige Chefärztin der Celler Kinderklinik, Dr. Helene Darges-Sonnemann, war vor ihrer Celler Zeit die rechte Hand von Dr. Wilhelm Bayer, Chefarzt des Hamburger Kinderkrankenhauses und einer der beiden Hauptbeschuldigten in dem unmittelbar nach Kriegsende 1945 angestrengten „Euthanasie“-Prozess, der die Geschehnisse in dem Kinderkrankenhaus Rothenburgsort aufdecken sollte. „Sie war von Anfang 1942 bis Oktober 1943 die stellvertretende Leiterin des Kinderkrankenhauses. Darüber, dass sie in die Morde involviert war, brauchen wir überhaupt nicht zu streiten. Sie hat selbst zugegeben, dass es Tötungen gab und auch, dass sie selbst Kinder getötet hat. Man kann auch Namen von Kindern nennen, die durch ihre Hand ums Leben kamen“, sagt Thevs. So töteten sie die Kinder: Zunächst hätten die Ärztinnen im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort versucht, die Kinder mit einer Injektion selbst zu töten, hatte Sonnemann während einer Vernehmung am 7. Mai 1948 ausgesagt. Als sie aber merkten, dass es unmöglich sei, eine 5-Kubikzentimeter-Spritze ohne Widerstand des Kindes zu injizieren, habe man Krankenschwestern herangezogen, die die Kinder festhalten mussten. „Darüber spritzt sich die ölige Flüssigkeit von Luminal schwer, daß jemand assistieren muß“, zitiert Ernst Klee die Ärztin in seinem Buch „Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945“. In ihrer Dokumentation wollen die beiden Hamburgerinnen Fotos von Opfern und Tätern veröffentlichen. Neben einem Bild von Dr. Bayer soll auch ein Foto von Dr. Darges-Sonnemann dort abgedruckt werden. Die Arbeit an dieser Dokumentation soll noch in diesem Jahr beendet werden. Die Tötungsaktion beruhte nicht auf einem Gesetz, sondern lief eben in dem komplexen Reichsausschuss-Verfahren. „Es gab auch Ärztinnen, die nicht beim Töten mitgemacht haben. Es wurde keine dazu gezwungen. Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Warum haben sich die Täter und Täterinnen dafür hergegeben? Bayers Menschenbild war ein idealistisches, biologistisches und kein fundamental christliches. Wenn man von dieser Art humanistischem Menschenbild überzeugt ist, kommt man zu anderen Wertungen, dann gibt es auch lebensunwertes Leben“, sagt Thevs. Ärzte dachten nicht, dass die Tötungen Unrecht waren: Keiner der „Euthanasie“-Ärzte wurde zur Rechenschaft gezogen. Denn es wurde keine Anklage erhoben, weil den Medizinern nicht nachzuweisen war, dass sie das Unrechtmäßige ihres Tuns hätten erkennen müssen. „Dr. Bayer und die Ärztinnen hatten rechtliche Zweifel und ließen sich überzeugen, dass ihr Handeln rechtens sei“, sagt Thevs. Kriegsverdienstorden verliehen: „Für mich ist es unverständlich, wie sie und die anderen Frauen es 1943 geschafft haben, 300 Kinder durch den Hamburger Feuersturm aus der Stadt herauszuführen. Das Krankenhaus selbst hatte zwar nur einen wenn auch schweren Brandbombenschaden, drumherum tobte allerdings das Inferno“, sagt Thevs. Diese Leistung ist sicher auch der Grund, warum Sonnemann den an Frauen nur äußerst selten verliehenen Kriegsverdienstorden erhalten hat. Der Orden nebst einiger Dokumente wird heute verherrlichend im Celler Garnisonmuseum gezeigt. 1943 versahen nach Thevs’ Angaben 12 Ärztinnen Dienst im Krankenhaus. Zusammen mit 6 Ärztinnen davon und 70 Schwestern führte Sonnemann 300 kranke Kinder nach dem Juli 1943 nach Celle. Böttcher fragt sich, warum Sonnemann nicht wie wohl fast alle Ärztinnen und Schwestern nach Hamburg zurückgekehrt ist. „Aus den Unterlagen geht hervor, dass dieses Verhalten zu einem Bruch im Verhältnis zwischen Dr. Bayer und Frau Sonnemann geführt hat. Welche Gründe mögen sie zu diesem Schritt bewogen haben? Wollte sie sich dadurch möglicherweise der Ermordung „lebensunwerten Lebens“ entziehen?“, fragt sich Böttcher. „Traumatisiert“: Ihr Mann Fritz Darges erinnert sich in seinem „Epilog“ auf seine Frau, dass sie „durch den Krieg gezeichnet und persönliche Erlebnisse traumatisiert gewesen sei“, als er sie im Hause seiner Schwester kennen lernte. Ob sie nach dem Krieg ihre Täterrolle als Kindermörderin verarbeitet hat und ob sie mit ihrem Mann oder anderen darüber gesprochen hat, ist nicht bekannt. Dass Darges-Sonnemann in ihrer Celler Abteilung ein strenges Regiment führte und strikt darauf achtete, dass die Arbeitsabläufe vernünftig eingehalten wurden, erinnert ein Mediziner, der während seiner Ausbildung auch in der Kinderabteilung des Celler AKH seinen Dienst versah. Während ihrer Verabschiedung in den Ruhestand im Frühjahr 1976 verglich Darges-Sonnemann ihren Berufsweg mit einer Wanderung und stellte fest: „Das Ziel ist ohne Unfall erreicht.“ Aus heutiger Kenntnis kommt dieser Satz einer Verhöhnung ihrer Hamburger Opfer gleich. Lesen Sie am Dienstag: So kam Fritz Darges zum Deutschen Roten Kreuz Celle. Lebenslauf: 13. März 1911: in Flensburg geboren Ostern 1930: Reifeprüfung an Auguste Viktoria Schule Flensburg bis 15. Dezember 1935: Medizinstudium in Bonn, Gießen, München und Hamburg 14. Januar 1937: Approbation 2. April 1937: Promotion bis 30. Juni 1939: Volontärsassistentin im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort bis 31. Dezember 1941: dort Assistenzärztin bis 15. Oktober 1943: Sekundär-Ärztin dort (stellvertretende Leiterin des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort Spätsommer 1943: sie führt mit Ärztinnen und Krankenschwestern 300 Kinder aus dem zerbombten Hamburg nach Celle Mai 1944: dafür erhält sie das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern am Bande 1. Oktober 1943 bis 31. Mai 1951: Oberärztin am Allgemeinen Krankenhaus ab 1970: Chefin der Krankenpflegeschule in Celle bis April 1976: Chefärztin der Kinderabteilung des Allgemeinen Krankenhauses; auch stellvertretende ärztliche Direktorin des AKH 10. September 1998: in Celle verstorben 30 Jahre danach... Im Jahr 1973 wollte der Hamburger Oberstaatsanwalt Dr. Dietrich Kuhlbrodt das Verfahren um die Kindstötungen von Hamburg-Rothenburgsort wieder aufrollen. Gegen zwei der Beschuldigten war das nach Kriegsende eröffnete Verfahren nämlich nicht eingestellt worden. Einer davon war ein damaliger Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, der knapp 30 Jahre danach zum stellvertretenden Gesundheitssenator in der Hansestadt aufgestiegen war. Der Prozess kam aber nicht in Gang, weil dem hochrangigen Verwaltungsmann bescheinigt wurde, dass er dem Prozess nicht folgen könne, weil er sich auf die verschiedenen Sachverhalte der über 1000-seitigen Anklageschrift nicht konzentrieren könne. Dr. Helene Darges-Sonnemann war Mitte der 70er-Jahre als Zeugin vorgesehen. Bundesgerichtshof verurteilt 1988 Celler Gynäkologen Dr. Heinrich Bunke wegen Beihilfe zum Mord an 9200 Menschen: Der Fall des Dr. Heinrich Bunke bewegte Celle im Jahr 1967 besonders stark: Über 5000 Menschen aus Celle und Umgebung verwendeten sich durch ihre Unterschrift bei der Niedersächsischen Landesregierung dafür, dass der Gynäkologe weiter in Celle praktizieren sollte. Bunke begann im August 1940 seine Tätigkeit als Arzt in der „Vergasungsanstalt Brandenburg“. Erst 1967 wurden Bunke und andere Ärzte vor Gericht gebracht. Die Angeklagten wurden beschuldigt, daran beteiligt gewesen zu sein, jeweils weit über 1000 Geisteskranke getötet zu haben. Die Mediziner wurden indes freigesprochen, weil sie nicht schuldhaft gehandelt hätten, wie es im Urteil heißt. Sie hätten das „Unerlaubte“ ihres Tuns nicht erkannt und in einem „unvermeidbaren Verbotsirrtum gehandelt“. 1970 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Gegen Bunke wurde das Verfahren allerdings Ende 1971 vorläufig eingestellt, da er gesundheitlich angeschlagen gewesen sein soll. Trotz seiner „Verhandlungsunfähigkeit“ praktizierte Bunke bis 1979 weiter. Am 18. Mai 1987 verurteilte das Landgericht Frankfurt Bunke wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 11000 Fällen zu vier Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof fällte am 14. Dezember 1988 ein endgültiges Urteil. Die Karlsruher Richter stellten fest, dass Bunke nicht ständig in der Mordanstalt gewesen sei. Er habe deshalb „nur“ Beihilfe zum Mord an 9200 Menschen geleistet. Das Urteil lautete: drei Jahre Haft. Davon saß der Celler 18 Monate ab. Im Jahr 2001 verstarb Bunke. Vor Gericht hatte er 1987 gesagt, „dass es ihn seit Jahrzehnten bedrückt, in die Euthanasie-Aktion hineingeraten zu sein und dass ich unter der persönlichen Verstrickung schwer gelitten habe und leide“. Für die Angehörigen der Opfer hatte Bunke nur wenige Worte übrig.
Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.12.2009 um 15:19 Uhr
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