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Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 28.02.2010 um 18:23 Uhr
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Celler AKH will Kriegszeit aufarbeiten

Die Kriegszeit am Celler Allgemeinen Krankenhaus wollen die Verantwortlichen der Einrichtung aufarbeiten. Den Anstoß hatte die Enthüllung der Vergangenheit der einstigen Chefärztin Dr. Helene Darges-Sonnemann gegeben. Sie war an den Morden der „Kinder-Aktion“ beteiligt. Am 31. Juli 1943 kam sie nach Celle, wo sie bis zu ihrem Tode 1998 blieb. Doch was geschah hier noch im Dritten Reich? Zwei Zeitzeugenberichte belegen die Flucht der Bediensteten und ihrer Kinderpatienten aus dem Feuersturm von Hamburg ins nahezu unversehrte Celle.

CELLE. „Wir haben eigentlich keine wirkliche Faktenlage über die Kriegszeit an unserem Krankenhaus“, sagt Dr. Friedhelm Bartels. Er ist seit Ende 2008 im Vorstand des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Celle zuständig für medizinische Fragen. Der Mediziner ist davon überzeugt, dass die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus auch für das AKH aufgearbeitet werden muss. Lediglich einen Vortrag über die von den Nazis betriebene Kindertötung in den so genannten Kinderfachabteilungen nach Celle zu holen, wie es geplant war, hält Bartels für falsch. Die Diskussion, wie man mit dem Thema umgehen soll, entbrannte, nachdem bekannt geworden war, dass die langjährige Chefärztin der AKH-Kinderabteilung, Dr. Helene Sonnemann, vor August 1943 am Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort an Kindstötungen beteiligt war und bei Vernehmungen zugegeben hatte, selbst Kinder mit Luminal-Spritzen getötet zu haben. Doch: Die Chronik des AKH feiert die Ärztin als Heldin im Hamburger Feuersturm. Danach führte sie 200 Kinderpatienten mit über 60 Schwestern und mehreren Ärztinnen vom 28. bis 31. Juli aus der brennenden Hansestadt nach Celle (siehe die beiden Zeitzeugenberichte unten). Dieses Verdienst wird durch die Vorgeschichte der Dr. Sonnemann (ab 1952 nach der Heirat mit dem ehemaligen Hitler-Adjutanten Fritz Darges hieß sie Darges-Sonnemann) in ein anderes Licht gerückt. Licht in das historische Dunkel will Hildegard Thevs bringen. Die pensionierte Religions- und Biologielehrerin hat eine noch unveröffentlichte Dokumentation über die Kindermorde in der ehemaligen Kinderfachabteilung im damaligen Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort geschrieben. Die 69-Jährige forscht derzeit aber noch weiter über die Hintergründe der Taten. Das will jetzt auch das AKH tun. Der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Olaf Schauer will Kontakt zu Dr. Raimond Reiter aufnehmen. „Vielleicht kann er uns unterstützen. Alleine können wir das nicht aufarbeiten“, sagt Schauer. Der Historiker Reiter betreut die Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ in Lüneburg. In der dortigen Kinderfachabteilung sind mindestens sechs aus dem Landkreis Celle stammende Kinder gestorben, schreibt Reiter in einem Aufsatz, der in der „Celler Chronik 16“ des Museumsvereins Celle im vergangenen Jahr erschienen ist. „Einer der besonders tragischen Bereiche der Verbrechen des Nationalsozialismus ist die Tötung körperlich und geistig behinderter Kinder im Rahmen der sogenannten Kinder-Aktion“, schreibt Reiter. In mehr als 30 „Kinderfachabteilungen“ seien weit über 5000 Kinder Opfer dieser Aktion geworden. Für den Landkreis Celle ist die Kinderfachabteilung der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zuständig gewesen. Hebammen und Mediziner waren seit 1939 verpflichtet, behinderte Kinder zu melden. Nach Thevs’ Erkenntnissen meldete Dr. Sonnemann auch in der verbleibenden Zeit des NS-Reichs, zwischen August 1943 und Mai 1945, beeinträchtigte Kinder dem Celler Gesundheitsamt. Das habe sie in einer richterlichen Vernehmung eingeräumt, so Thevs. „Euthanasie“ hingegen habe es in Celle laut Sonnemann nicht gegeben. Für den renommierten NS-Forscher Ernst Klee ist dieser Fall einzigartig, weil alle Beteiligten in Hamburg-Rothenburgsort die Taten zugegeben haben: „Sie hatten kein Unrechtsbewusstsein.“ www.pk.lueneburg.de/ gedenkstaette Ein Zeitdokument von 1943: „Wir mußten einige begraben“ Aus den Aufzeichnungen der ehemaligen Krankenschwester Anna Berk CELLE. „Mein Erlebnis bei dem Terrorangriff auf Hamburg vom 27. auf den 28. Juli 1943“ hat die ehemalige Krankenschwester des Kinderkrankenhauses Hamburg-Rothenburgsort, Anna Berk, ihr vierseitiges Schreiben betitelt, mit dem sich ihr Vater am 28. August desselben Jahres dafür aussprach, dass seine Tochter für ihren Einsatz ausgezeichnet werden möge. Wir geben es im Folgenden im Wortlaut wieder. Die damals 20-jährige Kinderkrankenschwester schildert die Flucht aus dem bombardierten Hamburg ins nahezu verschonte Celle, wo der etwa 300-köpfige Tross am 31. Juli ankam. Hier kam das Gros der Kinder in der Hehlentorschule unter, die zu einem Hilfskrankenhaus umfunktioniert wurde. „In der Nacht vom 27. zum 28. Juli war der 2. Terrorangriff auf Hamburg. Tagsüber hatten wir schon einen Alarm nach dem andern, so mussten wir mit unseren Kindern im Bunker bleiben, da das rauf und runter Tragen den kranken Kindern nur schaden konnte. Dies waren die Kinder, welche an Diphtherie, Scharlach und Keuchhusten erkrankt waren. Die übrigen wurden im Keller des Hauptgebäudes untergebracht. Dieser Bunker stand abseits im Garten. Von Dienstag auf Mittwoch erfolgte nun der nächste Angriff. Eine Bombe nach der anderen sauste nieder, bei jeder nächsten dachte man, daß sie uns gelte. Aber unser Bunker hielt stand. Von den Straßen kamen die Menschen schon alle zu uns geströmt und wurden in unserem Bunker untergebracht. Unser Krankenhaus hatte einen Volltreffer, Phosphorkanister und eine Sprengbombe vor und hinter dem Haus, erhalten, aber noch hieß es, alle Kinder können im Keller bleiben. Da der Bombenregen nun keine Ende nehmen wollte und das Feuer sich weiter und tiefer fraß, hieß es: Alles aus den Kellern raus in den Bunker bringen! Jeder band sich ein Tuch vor Mund und Nase und rüber ins Hauptgebäude. Dort wurde eine Decke über das Kind geschlagen und raus. Vor der Türe wurden wir von der Feuerwehr naßgespritzt, damit man kein Feuer fing. Man dachte an nichts mehr. Alle Angst von vorher war verschwunden, nur durch mit den Kindern. Rechts brannte das Krankenhaus, links war der Güterbahnhof, auf dem alle Güterzüge brannten und bei einem Munitionszug ein Waggon nach dem andern explodierte. Aber wir hatten alle Kinder ohne Verletzungen rübergeschafft. In dem kleinen Bunker lagen sie übereinander. Jeder von den Geflüchteten hatte noch ein bis zwei Kinder im Schoß. Die Luft war zum Umfallen, überfüllt und keine Sauerstoffzufuhr. Auf dem Güterbahnhof stand in dieser Schreckenszeit ein Berliner D-Zug. Einige konnten sich noch retten, dann mußten wir die Brand- und Splitterwunden verbinden. Alle übrigen hatten sich, da sie es nicht wussten, unter den Munitionszug gelegt und mußten so ihr Leben lassen. Erst gab es keine Hoffnung auf Abtransport, da alle Straßen verschüttet waren und kein Auto mehr durchkonnte. Bis abends gegen 5 Uhr ein Kreisleiter kam und uns einige Wagen zur Verfügung stellte. Eine Viertelstunde mußten wir laufen, bis wir mit unseren Kindern zu der Stelle kamen, wo die Autos standen. Dort hatte man gleich für Trinkgelegenheit gesorgt. Die Kinder fielen nur so darüber weg. Unseren kleinsten Säuglingen gaben wir Kaffee, damit der Hunger und Durst gestillt wurde. Nach vierstündiger Irrfahrt durch die zerstörte Stadt kamen wir in Wentorf an. Alles war schon überfüllt. Das Kinderheim, die Gauschule, niemand konnte uns aufnehmen. So quartierten wir uns in einer Villa ein. Die Kinder wurden wieder einigermaßen abgewaschen und kamen auf einem Teppich mit etwas Stroh zum Schlafen, mit einer Schnitte trocken Brot in der Hand. Wir selbst legten uns auch mit leerem Magen, ungewaschen aufs Stroh. Am Tag wurden alle auf den Rasen gebracht. Leider mußten wir einige begraben, da sie die Strapazen in ihrem Zustand nicht aushalten konnten. Nach zwei Tagen hieß es, unten im Dorf ist jetzt die Luftschutzschule frei, alles runter bringen! Ein Lastwagen brachte alles hin. Wir waren froh, ein Haus zu bekommen. Als erstes gab man uns ein herrliches Essen, dann ging es ran, alle Kinder zu waschen, saubere Wäsche an, soweit sie reichte und ins Bett. Die meisten schliefen schon, da kam die Nachricht, daß um 6 Uhr ein Zug Richtung Perleberg ginge. Nun wieder alle Kinder auf den Lastwagen und zum Bahnhof. In Gepäcknetze kamen die Kleinen und die Großen auf die Bänke. Die Schwestern fanden auf dem Boden Platz. Jetzt Richtung Perleberg. An den Bahnstationen reichte man uns Kaffee und Brot, aber für so viele Kinder reichte es nicht. Nach langer Fahrt kamen wir nun an unserem Bestimmungsort an, alles überfüllt. Nun war guter Rat teuer, niemand wusste wohin, mit dem Zug hin uns her gefahren, bis wir nach 24-stündiger Fahrt in Celle ankamen. Die Wehrmacht half eine Schule auszuräumen und in einer Stunde konnten wir einziehen. Rote-Kreuz-Helferinnen halfen unsere Kinder zu baden, die man nach dieser Fahrt nicht mehr anfassen konnte. Das Essen war schon fertig und Stroh hatte man für uns Schwestern hingeschafft. Die Kinder schliefen gleich im tiefsten Schlaf. Sie wussten nicht wie es geschah, mal wieder in einem Bett zu schlafen. In dieser Schule wurde sich nun eingerichtet, und wir bleiben dort, bis die Kinder zum größten Teil abgeholt sind. Viele von ihnen müssen ins Waisenhaus, da sie leider keine Eltern mehr haben.“ Anna Berk schrieb dieses im August 1943 mit frischer Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse. Vom 4. bis 24. August 1943 war die Krankenschwester bei der Familie Brennecke, Harburger Straße 50, einquartiert. Sollte sie noch leben, so wäre sie heute 86 Jahre alt. Mary Fittschen erinnert sich nach 67 Jahren an Flucht aus Hamburg Ehemalige Kinderkrankenschwester (90) lebt heute in Bremen CELLE. Mary Fittschen ist eine der Krankenschwestern, die nach dem verheerenden Bombenangriff vom Juli 1943 mithalfen, 200 Kinder-Patienten aus dem schwer getroffenen Kinder-Krankenhaus Hamburg-Rothenburgsort herauszuholen und nach Celle zu bringen. Die heute 90-Jährige versah damals ihren Dienst in dem Haupthaus. „Wir hatten Gott sei dank die Kinder schon im Keller“, erinnert sich die Hochbetagte mit Grausen. „Die Wehrmacht hat uns dann rausgeholt. Wir bekamen klitschnasse Tücher über uns gelegt und schleppten die Kinder in das etwas abseits gelegene Infektionshaus. Dort kamen wir erst einmal unter. Ich bekam dann zwei Säuglinge rechts und links unter den Arm und ein Kleinkind um den Hals“, sprudeln die Erinnerungen aus Fittschen heraus. So ging der Weg durch die Trümmer der Hansestadt. „Links und rechts schlugen Bomben ein. Es war einfach fürchterlich“, sagt die alte Frau, die ihren Lebensabend bei guter Gesundheit in Bremen verbringt. „Wir waren jedes Mal froh, wenn wir an einem trockenen Platz kamen, wo kein Qualm und kein Feuer war“, sagt sie. „Und dann kam die Frage: Wer nimmt uns auf? Wir sind in einem Sonderzug und auch mal mit dem Bus wohl in einem Stück 24 Stunden gefahren, haben nur einmal irgendwo Station gemacht. Aber es war ja alles überlagert“, sagt sie. Und dann kam die frohe Kunde, dass Celle die Hamburg-Flüchtlinge aufnehmen würde. „Die Stadt hat ja nicht viel abgekriegt. Da war jeder heilfroh, mal etwas anderes zu sehen und nicht immer diesen Geruch der brennenden Häuser in der Nase und den Qualm in den Augen zu haben“, sagt die Frau, die später ihr „großes Krankenschwester-Examen“ gemacht hat. Nach etwa zwei Monaten in Celle wurden nahezu alle Schwestern und Ärztinnen und sämtliche Kinder wieder nach Hamburg zurücktransportiert. „Dort nahmen uns der Leitende und die Oberin in Empfang und schickten uns erst einmal 14 Tage zur Erholung nachhause.“ Die Kinder wurden von den Eltern oder anderen Verwandten abgeholt oder kamen anderswo unter. Zuhause in Bremen habe die damals 23-Jährige wohl eine Woche durchgeschlafen, so hatte sie die Rettungsaktion mitgenommen, erinnert sich Fittschen. Der Dienstantritt in Hamburg gestaltete sich überaus schwierig. Züge fuhren nur noch bis Harburg. Einmal musste sie von Bremen aus mit dem Rad in die große Schwester-Hansestadt fahren. An die Leiterin der Rettungsaktion, die spätere Chefärztin der Celler Kinderabteilung am Allgemeinen Krankenhaus, Dr. Helene Darges-Sonnemann, kann sie sich überhaupt nicht erinnern. „Ich habe die Erinnerungen an diese fürchterliche Zeit zum größten Teil vergraben. Die Bilder kommen aber beim Erzählen alle wieder hoch. Es war entsetzlich“, sagt Fittschen. An die kleinen Patienten von damals kann sie sich nicht mehr erinnern. Auch zu ihren Kolleginnen seien die Kontakte nach und nach abgerissen. So ist die alte Frau wie die meisten Menschen oft mit ihren Erinnerungen allein. Der Name der Krankenschwester Anna Berk, die aus frischer Erinnerung die Ereignisse festhielt (siehe oben stehenden Artikel), ist ihr geläufig. Doch hat sie die einstigen Berufskollegen aus den Augen verloren. Nach der Celler Zeit ging Mary Fittschen wieder zurück nach Bremen. Von dort aus hat sie sich nach Arbeit umgeschaut. Zuletzt arbeitete sie als Schwester am Altonaer Krankenhaus in Hamburg, bis sie Mitte der 80er-Jahre in den Ruhestand ging. Sonderzug mit 200 seuchenkranken Kindern trifft in Celle ein: Am 3. August 1943 schrieb Celles damaliger Oberbürgermeister Ernst Meyer an den Regierungspräsidenten in Lüneburg und wandte sich mit der Bitte an ihn, dass es neun Lernschwestern ermöglicht werde, die Prüfung für ihr Examen abzulegen. Meyer teilt dem Regierungspräsidenten mit, dass das Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort am Sonnabend, 31. Juli, nach Celle überführt worden sei. „Von den vor Beginn des Bombardements auf Hamburg vorhanden gewesenen rund 350 Säuglingen und Kindern waren bis zum Abtransport 150 durch Abholung, Tod und so weiter ausgefallen, so daß der Sonderzug hier mit 200 seuchenkranken Kindern eintraf. Von diesen sind 45 mit einer Ärztin und 6 Mann Pflegepersonal per Auto nach Schwarmstedt in das Ausweichkrankenhaus geschafft worden, 14 wurden in der DRK-Seuchenbaracke des allg. Krankenhauses untergebracht. Die restlichen 141 Säuglinge und Kinder sind mit 4 Ärztinnen und dem Restpersonal von rund etwa 60 Köpfen in der provisorisch hergerichteten Hehlentorschule untergebracht worden.“ Die Leitung habe „Fräulein Dr. Sonnemann“. Die Prüfung der Lernschwestern sollten das Hamburger Gesundheitsamt, Chefarzt Dr. Bayer und Dr. Helene Sonnemann annehmen. „Bei der Evakuierung haben die Lernschwestern ihre schriftlichen Arbeiten gerettet; sie liegen unter Verschluß bei Frl. Dr. Sonnemann.“ Ob der Regierungspräsident in dieser Angelegenheit tatsächlich Kontakt mit Sonnemann aufgenommen hat und sich bei der Gelegenheit, wie Meyer es vorschlug, das Notlazarett in der Hehlentorschule angesehen hat, ist nicht überliefert.

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