Ehemaliger Celler Chefärztin 12 Tötungen zur Last gelegt

Ein Zeitungsartikel über den Neubau der Kinderklinik am AKH. Foto: Andreas Babel

Der ehemaligen Chefärztin am Allgemeinen Krankenhaus Celle, Dr. Helene Darges-Sonnemann, wurden zwölf Tötungen zur Last gelegt. Sie hat während der NS-Zeit behinderte Kinder am Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort mit Luminalspritzen getötet. In seiner jetzt vorgelegten Dissertation verweist Marc Burlon darauf, dass die spätere Cellerin als stellvertretende Krankenhausleiterin in Hamburg „turmhoch“ und „unnahbar“ über den Angestellten stand.

CELLE. „Ich glaube, dass die Ärztinnen viel mehr Kinder als die nachgewiesenen 56 in Hamburg-Rothenburgsort getötet haben“, sagt Marc Burlon: „Leider sind viele Akten während des Krieges verloren gegangen, so dass die genaue Anzahl nicht mehr zu ermitteln ist, sie könnte aber in den Hunderten liegen.“ Achteinhalb Jahre hat der Psychiater über die beiden Hamburger Kinderfachabteilungen geforscht. Hier wurden während der NS-Zeit behinderte Kinder nach einem bürokratischen Verfahren ausgewählt und zielgerichtet getötet. Am 15. April dieses Jahres ist seine Dissertation zu diesem Thema angenommen worden. In den Celler Fokus ist die Kinderfachabteilung am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort (KKR) gerückt, weil die spätere Chefärztin am Celler Allgemeinen Krankenhaus (AKH), Dr. Helene Darges-Sonnemann, dort bis zum Sommer 1943 als stellvertretende Krankenhausleiterin arbeitete. „Oberärztin Frau Sonnemann hat laut Anklageschrift die meisten Tötungen durchgeführt. Im KKR gab es zu Beginn eine von Oberärztin Sonnemann verwahrte Flasche Luminal (50 Kubikzentimeter), an der bei Bedarf die tödliche Spritze aufgezogen wurde“, schreibt Burlon. Ein ermittelnder Staatsanwalt hat ihr konkret zwölf Tötungen zur Last gelegt – andere Fälle konnte man ihr im Detail nicht mehr nachweisen. Burlon hat beim Aktenstudium von Sonnemann den Eindruck einer „verbissenen und verhärmten Frau“ gewonnen, „die das umgesetzt hat, was der Krankenhausleiter Dr. Wilhelm Bayer angeordnet hat – und das ohne mit der Wimper zu zucken“ . Die Hamburgerin Hildegard Thevs, die über die Opfer der „Kindereuthanasie“ forscht, geht ebenfalls von ungefähr zwölf durch Sonnemanns Hand getöteten Kindern aus. Sie hat Schuldeingeständnisse der späteren Cellerin in den Akten gefunden, die eindeutig sind. Sonnemann gab bei einer Vernehmung am 7. Mai 1948 an, „dass ich selbst etwa fünf Euthanasiefälle gehabt habe“. Die genaue Zahl lasse sich nicht angeben, da sich Beschuldigte gegenseitig belasteten, so Thevs. Das Zitat stammt aus dem unveröffentlichten Thevs-Manuskript „Die Hamburger Reichsausschusskinder“. Die Veröffentlichung ist für dieses Jahr geplant. Und zwar in dem Band „Stolpersteine in Hamburg-Rothenburgsort“, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Ab Jahresbeginn 1942 habe Sonnemann wie ihr Chef Bayer „turmhoch“ und „unnahbar“ über den Angestellten gestanden, sagten die Assistenzärztinnen Ursula Petersen und Ingeborg Wetzel aus. Letztere war übrigens nach dem Krieg lange mit Sonnemann befreundet. Dr. Ingeborg Wetzel heiratete am 6. März 1963 in Celle Walter Tyrolf. Der war nicht irgendwer, sondern einer der in dem angestrengten Verfahren ermittelnden Richter. Während der NS-Zeit war er am Sondergericht Hamburg tätig, danach sollte er dazu beitragen, die Kindertötungen aufzudecken. Dass er nach dem Tod seiner ersten Frau umgehend eine der Euthanasie-Ärztinnen heiratete, ist zumindest pikant. Dass die Hamburger in Celle heirateten, kann mit der Freundschaft zu Sonnemann zusammenhängen. Für Burlon „symbolisiert die Ehe mit der Assistenzärztin den engen Kontakt der akademischen Eliten“. Juristen und Mediziner seien in der „Euthanasie“ eine unheilvolle Liaison eingegangen. Burlon vermutet, dass Tyrolf und Wetzel über das Ermittlungsverfahren Kontakt bekommen haben. „Beweise dafür gibt es jedoch nicht.“ Nach Auskunft der im Jahre 2002 noch lebenden Elisabeth Bayer hatten sich ihr Mann und Sonnemann überworfen. Er habe eine unliebsame, aufstrebende Konkurrenz in ihr gesehen, meint Burlon. Das wäre eine Erklärung dafür, dass Sonnemann ab August 1943 in Celle blieb, nachdem sie 200 kranke Kinder nach den Bombenangriffen auf Hamburg hierher geführt hatte. Die ehemalige Chefärztin der AKH-Kinderklinik, Dr. Helene Darges-Sonnemann (hier auf einer Aufnahme aus den 70er-Jahren), starb 1998 in Celle. Eine neue Dissertation beschäftigt sich mit Kindertötungen in Hamburg, an denen sie aktiv beteiligt war. Edda Göring widerlegt Legende von direkter Verwandtschaft Tochter von Hermann und Emmy Göring kannte Darges-Sonnemann nicht CELLE. In Celle hielt sich jahrzehntelang das Gerücht, Dr. Helene Darges-Sonnemann sei mit der selbst ernannten „1. Dame des Dritten Reichs“, Emmy Göring, verwandt. Die CZ hat direkt nachgefragt. Und die Tochter der ehemaligen Staatsschauspielerin und von Hitlers Stellvertreter Hermann Göring, Edda Göring, gab bereitwillig Auskunft. Sie verwies eine direkte Verwandtschaft zwischen Helene Sonnemann und ihrer Mutter Emmy Göring, geborene Sonnemann, in das Reich der Fabel. „Meine Frau Mama hat mir nie etwas erzählt von einer Kinderärztin namens Sonnemann“, sagte sie jetzt der CZ. Gerüchte würden eine Menge erzählt und von der Presse verbreitet. Da Helene Sonnemanns Vater, ein Vermessungsrat aus Flensburg, Paul mit Vornamen hieß, ist eine hochgradige Verwandtschaft mit Emmy und Edda Göring ausgeschlossen. Denn Emmys Brüder hießen Wilhelm, Hans und Karl, wie Edda Göring wie auf Knopfdruck herunterbetet. „Von einer Helene Sonnemann weiß ich nicht das Geringste. Ich würde Ihnen da gerne weiterhelfen – vielleicht ist sie ja sehr weit entfernt verwandt mit uns. Es gibt ja einige Sonnemanns. Auch dass eine Sonnemann einen Adjutanten Hitlers geheiratet hat, sagt mir gar nichts“, beteuerte die Münchnerin. Zu ihrer Geburt sollen übrigens angeblich 628000 Glückwunsch-Telegramme eingegangen sein. Bis 1945 war Edda Göring ein Kinderstar. In jeder Stadt gab es Postkarten mit Fotos des blond gelockten Kindes zu kaufen. Und heute? Mit ihrer Mutter zog sie in den 50er-Jahren in einen damals modernen Wohnblock im Münchner Stadtteil Lehel. Dort lebt die 72-Jährige noch heute im fünften Stock. Sie wolle „nur noch in Ruhe gelassen“ werden, sagte Göring. Der ehemalige Hamburger Stern-Reporter Gerd Heidemann (79) war fünf Jahre lang mit Edda Göring befreundet. Wann immer er mit ihr über die Vergangenheit sprechen wollte, habe ihn Edda Göring ausgebremst. Er habe sie während dieser Zeit vielleicht 20-mal gesehen, sagte er der CZ. Seit 29 Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu der Münchnerin. Damals habe sie dem Hamburger die Tagebücher ihres Vaters Hermann angeboten. „Und die waren noch dürftiger als die gefälschten Hitler-Tagebücher“, sagt Heidemann. Mit diesen erlitt er zwei Jahre später Schiffbruch. „Da steht nur drin, wann er aufgestanden ist, was er gefrühstückt hat und dass es sich mit General XY unterhalten hat, nicht aber worüber“, so Heidemann. Später habe Edda Göring diese Aufzeichnungen einem Schweizer Sammler verkauft, eine Kopie kann beim Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eingesehen werden. „Bei den Dokumenten handelt es sich nicht um Tagebücher, sondern um so etwas wie einen Dienstkalender. Das Institut plant keine Veröffentlichung“, sagt dessen Pressesprecher Dr. Bernhard Gotto. Tante Helene „reine Mittäterin“? Onkel Fritz von Macht angezogen Neffe des belasteten Celler Ehepaares äußert sich erstmals öffentlich CELLE. Knapp sieben Monate nach dem Tod von Fritz Darges hat sich jetzt ein Neffe seiner 1998 verstorbenen Frau Dr. Helene Darges-Sonnemann gegenüber der CZ zu seinen Verwandten geäußert. Der Mann möchte namentlich nicht genannt werden. Er distanziert sich von vielen Dingen, die seine Tante und deren Mann, der als Hitlers letzter lebender Adjutant galt, während der NS-Zeit getan haben, verweist aber darauf, dass beide viel „zwiespältiger“ und „mehrfarbiger“ gewesen seien als bisher dargestellt. Vor allem seine Tante, die während der NS-Zeit am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort behinderte Kinder getötet hat, sei nicht so vielschichtig dargestellt worden, wie er sich das gewünscht hat. „Denn: Man muss die damalige und bis in die 50er-Jahre übliche Toleranz gegenüber der Euthanasie bedenken“, sagt er. Sie habe die Celler Kinderklinik mit Schwesternschule aufgebaut und viele Kinder der Region Celle gerettet, so ihr Neffe. Er verbrachte von Ende der 50er- bis Ende der 60er-Jahre sämtliche Sommerferien im Hause seiner Tante und ihres Mannes im Hehlentorgebiet. Im Nachlass von Fritz Darges hätten sich keine Aufzeichnungen über die NS-Zeit befunden, wie in Celle behauptet wird, sagt der Neffe. Davon sei weder ihm noch den anderen Erben etwas bekannt. „Wir in unserer Familie sind alle Anti-Nazis“, sagt der Mann. „Im Nachhinein bin ich tief von meinem Onkel enttäuscht. Denn früher hat er sich im Rahmen von vielen sehr heftigen Diskussionen immer als geläuterter, nur von der Macht verführter Nazi hingestellt. Er hat aber offenbar seine Gesinnung niemals abgelegt. Unsere Tante hat ihn wohl immer gebremst. Aber als sie gestorben war, hat er sich von den Falschen bestätigen und von Neonazis instrumentalisieren lassen“, meint der Neffe. „Ich will nicht unterstellen, dass meine Tante die Nazi-Gesinnung weitergetragen hat, ich hatte eher nicht den Eindruck“, sagt der Neffe. Sein Onkel sei als junger Mann von der strahlenden Macht korrumpiert und angezogen worden. Aus dieser „Verführung“ allein könne man ihm keinen Vorwurf machen. Die zweite Frage sei, inwieweit diese jungen Menschen zu Tätern geworden sind. Fritz Darges seien keine Straftaten nachzuweisen gewesen. Die Vorwürfe der „Kindereuthanasie“ am Hamburger Kinderkrankenhaus waren den Neffen und Nichten von Dr. Helene Darges-Sonnemann bekannt. „Sie wollte Karriere machen. Ich gehe von einer reinen Mittäterschaft aus falsch verstandenem Gehorsam gegenüber ihrem Chef aus. Wir haben von ihr damals nicht viel mehr gehört, als dass sie dort involviert war. Die Taten muss man aber unter damaligen Gesichtspunkten betrachten. Meine Tante hatte uns gesagt, dass sie das heute keinesfalls mehr so machen würde.“ Als die Ermittlungen liefen, habe seine Tante Angst gehabt, dass sie ihre Position verlieren könne. „In der Situation der NS-Zeit war sie sich der vollen rechtlichen Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst. Sie war ehrgeizig und wollte Karriere machen. Warum sie nicht nach Hamburg zurückkehrte, darüber kann man nur spekulieren“, weiß ihr Neffe auch nichts Genaueres. In Celle wollte seine Tante zur „höheren Gesellschaft“ gehören. Ihr Mann Fritz Darges sei als erster wirklicher Manager des Deutschen Roten Kreuzes in Celle „hoch verehrt worden“. Sein Neffe vergleicht ihn mit heutigen Managern. Der Autor Marc Mario Hartmut Burlon ist am 13. Mai 1972 in Hanau geboren worden. Der dreifache Vater lebt in Hamburg. Seit 2002 läuft sein Promotionsverfahren bei Prof. Dr. Hendrik van den Bussche am Institut für Allgemeinmedizin der Uni Hamburg. Seine Doktorarbeit trägt folgenden Titel: Die „Euthanasie“ an Kindern während des Nationalsozialismus in den zwei Hamburger Kinderfachabteilungen. Er ist Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Hamburg. Quelle: Unter den Stichworten „Kindereuthanasie Hamburg“ findet man die Doktorarbeit im Internet. „Rechte Hand“ Dr. Helene Sonnemann könnte ihre „rechte Hand“ aus dem Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgs­ort mit an die Celler Kinderklinik genommen haben. Martha Müller war eine von nur acht Krankenschwestern, die nach dem Krieg als Mittäter der „Kindereuthanasie“ in Hamburg-Rothenburgsort beschuldigt wurden. Sie hat vermutlich nach dem Krieg als Krankenschwester am Kinderhospital in Celle gearbeitet. Das geht aus den Entnazifizierungsunterlagen von Dr. Helene Darges-Sonnemann hervor. Nutzen Sie die Gelegenheit und rufen Sie den Autor direkt an. Andreas Babel ist unter der Telefonnummer (05141) 990113 zu erreichen. Oder Sie schicken einen Brief an die Cellesche Zeitung, Bahnhofstraße 1-3, 29221 Celle, faxen an (05141) 990112 oder schreiben eine Mail an a.babel@cellesche-zeitung.de
Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 26.01.2017 um 18:12 Uhr
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