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Blumlage/Altstadt Freundlicher Mikrokosmos mit sozialem Anliegen
Celle Aus der Stadt Blumlage/Altstadt Freundlicher Mikrokosmos mit sozialem Anliegen
15:24 02.04.2019
Eines der "Kaufladen"-Teams in der Blumlage. (von links) Angela Fischer, Gudrun Frischmuth, Projektleiterin Beate Hörnemann und ihre Kollegin Gaby Hartmann. Quelle: Doris Hennies
Blumlage

Angela Fischer ist Mutter von vier – inzwischen zum Teil schon erwachsenen – Kindern. Sie arbeitet seit der Eröffnung vor zehn Jahren im sozialen „Kaufladen“ in der Blumlage. „Ich könnte mir nicht vorstellen, einmal nicht mehr dazuzugehören“, sagt sie. Sie gehört damit nicht nur zum Team ehrenamtlicher Mitarbeiter, die diese besondere Secondhand-Einkaufsform ermöglichen. Sie hat bereits mitgeholfen, dieses Projekt auf den Weg zu bringen und so zu etablieren, dass es heute eine gern angenommene, erfolgreiche und stark frequentierte Einrichtung ist.

Ehrenamtliche wollte aus Alltag der Mutter und Hausfrau heraus

Durch eine Anzeige in der Zeitung war Angela Fischer auf den neu eröffneten Laden aufmerksam geworden. „Damals ging der Jüngste noch in den Kindergarten und meine Tochter wurde eingeschult.“ Man suchte ehrenamtliche Mitarbeiter, die das erste Team um Projektleiterin Beate Hörnemann aufbauen und verstärken sollten. „Und ich suchte nach einer Aufgabe, die nicht nur aus Hausfrauen- und Mutter-Alltag bestand. Ich wollte neue Menschen kennenlernen und neue Kontakte knüpfen, etwas Sinnvolles und Wertvolles tun, mich einbringen und daran Spaß haben.“

Angela Fischer (53) hat gleich nach Eröffnung als ehrenamtliche Mitarbeiterin ihren Dienst im Kaufladen begonnen und könnte sich auch heute nicht vorstellen, damit wieder aufzuhören. Quelle: Doris Hennies

Familie und ehrenamtliche Arbeit kombiniert

Die Arbeit im Kaufladen passte für die heute 53-Jährige perfekt: „Ich konnte mir die Schicht am Dienstagvormittag aussuchen, die zu meinem Tagesablauf und den alltäglichen Verpflichtungen (auch den beiden Tagen, an denen ich auf dem Wochenmarkt aushelfe) am besten passte. Wir wohnen nur ein paar Straßen weiter und die Schule liegt hier gleich gegenüber.“ Da kam die Tochter nach der Schule einfach rüber in den Laden und durfte noch ein bisschen mithelfen. „Das tut sie heute noch manchmal – einfach mal reinschauen, wenn ich da bin“, lacht Angela Fischer, „obwohl sie jetzt 18 ist und eine Ausbildung macht.“

Großer Zusammenhalt im Team

Das mit der Koordination zwischen Haushalt und Laden hat immer geklappt. Die ganze Familie steht hinter ihrem Dienst für den guten Zweck, „und auch unser Freundeskreis ist angesteckt, bringt ungeliebte oder ungenutzte Sachen hierher und stöbert gerne mal nach etwas neuem Gebrauchten.“ Inzwischen teilt sie ihre „Schicht“ (jeweils drei Stunden) mit zwei anderen Mitstreiterinnen – je nach Bedarf auch freitagnachmittags – und springt ein, wenn eine Kollegin nicht kann. Dafür gibt es einen gut organisierten Vertretungsplan. „Bisher hat es nie Probleme mit einem Tausch- oder Ersatzdienst gegeben. Das liegt sicher auch an unserem tollen Zusammenhalt – hier gibt‘s kein Gezicke und alle sind sehr motiviert. Man fühlt sich fast wie in einer zweiten Familie.“

Projekt lebt von sinnvoller Wiederverwertung

Die Idee des gelungenen Projekts basiert auf sinnvoller Wiederverwertung: Der Kaufladen lebt von Sachspenden. Nützliches, Schönes, Witziges, Dinge für den täglichen Gebrauch werden kostenfrei abgegeben und finden hier für wenig Geld einen neuen Besitzer. Auf diese Weise wird nichts Guterhaltenes weggeworfen sondern weiterverwendet – das schont Ressourcen und Umwelt sowie den Geldbeutel. Inzwischen gibt es neben dem Kaufladen in der Blumlage noch das „Neufundland“ in der Neustadt und das „Allerhand“ in Vorwerk – alle unter der gleichen Trägerschaft. Das Prinzip funktioniert bestens.

Angela Fischer (53) hat vor acht Jahren auch Gudrun Frischmuth (links) im Blumläger Kaufladen "angelernt". Quelle: Doris Hennies

Es ist ein Kommen und Gehen in diesem Laden

Die Ladentür an der Blumlage 88 steht an diesem Dienstagmorgen kaum still. Menschen kommen, schauen sich um, machen Beute, bezahlen und gehen wieder. Zwischendurch werden Säcke und Kisten voller Kleidung, Spielzeug oder Hausrat gebracht, die zum Sortieren erst einmal im Lagerraum abgestellt werden.

Kunden kommen aus allen sozialen Schichten

Den „typischen Kunden“ gebe es nicht, erklärt Angela Fischer. Denn es gibt viele Gründe, hier einzukaufen: Wertschätzung von Dingen, Nachhaltigkeit, Individualität und die Suche nach etwas Besonderem, Sammlerleidenschaft, Schnäppchen für Kosten-Nutzen-Rechner, ein tolles Wert-Preisverhältnis … und natürlich die Tatsache, es sich auch mit wenig Budget leisten zu können. „Wir sind längst aus der Einordnung ,Das ist nur was für Arme und Hartz-4-Empfänger‘ herausgewachsen. Hier treffen Menschen aus allen sozialen und beruflichen Bereichen aufeinander und kommen oft auch ins Gespräch miteinander – das macht es ja so schön, ein Teil davon zu sein.“

Zeit für eine Plauderei muss immer sein

Hier ticken die Uhren anders – das entspannte Miteinander und die Gelegenheit, zu plaudern und Kontakte zu knüpfen, gehörten von Anfang an zum Konzept der Sozialstores: „Unser Laden ist auch Treffpunkt! Hier können Sie nach Lust und Laune stöbern, so manches Schätzchen entdecken und gleichzeitig nette Menschen treffen und Gespräche bei einem Tässchen Kaffee oder Tee genießen“, heißt es in der offiziellen Ideenbeschreibung. Und das wird genutzt. Im Kaufladen – wie in den anderen „Niederlassungen“ – gibt es einen großen Tisch mit einladenden Stühlen und stets die kostenlose Tasse Kaffee oder Tee. Viele „Stammkunden“ kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern um dort eine schöne Zeit zu verbringen. „In zehn Jahren habe ich viele Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. Wenn man dann nach den Kindern und Enkeln fragt oder nach den persönlichen Befindlichkeiten, freuen sich die Leute immer sehr. Man kann etwas gegen Einsamkeit tun und erfährt Vertrauen. Es rührt mich immer wieder, wenn mir junge Frauen, die ich schon vor ihrer Schwangerschaft kennengelernt habe, ihr Baby in den Arm geben, um sich unbeschwert umschauen zu können“. Dieser Bezug, die vielen unterschiedlichen Leben, in die man zu einem winzigen Teil verflochten wird, findet Angela Fischer so spannend und abwechslungsreich. Es ist ein freundlicher Mikrokosmos in dem sie arbeitet und zu dem sie gehört.

Zum 10. Geburtstag wurden die Schaufenster mit Raritäten und vielen Fotos geschmückt. Quelle: Doris Hennies

Rentnerin gehört noch nicht zum alten Eisen

Frisch gebrühter Kaffeeduft zieht aus der kleinen Teeküche durch die Ladenräume – verbreitet sich in der „Kleidungsabteilung“ an Geschirr, Babysachen und Spielzeug vorbei. Er lockt Gudrun Frischmuth aus dem Lagerraum, wo sie bis dahin neu gebrachte Ware ausgepackt und sortiert hat. Lächelnd schenkt sie sich und Angela Fischer eine Tasse ein, die beiden genehmigen sich eine kleine Pause. Seit acht Jahren gehört sie zum Team. „Angela hat mich quasi angelernt“, sagt die jung gebliebene Rentnerin aus Steinhorst und schmunzelt. Auch sie hatte von der Mitarbeitsmöglichkeit in einer Anzeige gelesen: „Meine Kinder waren aus dem Haus, ich suchte eine Aufgabe für mich – also hab‘ ich mich gemeldet, drei Tage zur Probe gearbeitet und seitdem gehöre ich dazu.“ Der längere Weg macht ihr nichts aus. Sie verbindet die Fahrt mit Einkäufen oder einem Besuch ihrer Mutter im Seniorenheim.

Und das erwartet den Besucher am Freitag von 15 bis 18 Uhr

„Unsere Ehrenamtlichen sind das Herz des Ladens. Jede Mitarbeiterin findet hier ihr Betätigungsfeld. Mit viel Freude und Herzblut wird sortiert, dekoriert, präsentiert, beraten und verkauft“, fasst Beate Hörnemann zusammen. „Inzwischen sind wir insgesamt ein Team von 21 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Eine fest angestellte Kraft ist für die Koordination zuständig. Wir meinen, dass unsere ersten zehn erfolgreichen Jahre ein Grund zu feiern sind. Deshalb haben wir unsere Schaufenster mit vielen Fotos von besonderen Veranstaltungen und allen Mitarbeitern geschmückt – und am Freitag, 5. April, von 15 bis 18 Uhr gibt es hier im Blumläger Geschäft ein Fest mit einer kleinen Modenschau, einem Kaffee-Buffet mit Live-Musik und einem besonderen Quiz rund um den Kaufladen, zu dem wir herzlich einladen.“

Überschüsse werden weitergegeben

Die sozialen Kaufläden arbeiten, wie der Träger der Einrichtungen, der Celler Verein „mit-Wirkung“, gemeinnützig. Das bedeutet auch, dass alle erwirtschafteten Überschüsse, also Gelder, die nicht für den Erhalt und die Arbeit in den Läden notwendig sind, an soziale Einrichtungen oder Projekte weitergegeben werden.

Vom „Kaufladen“ in der Blumlage wurden zuletzt unterstützt:

Dezember 2018: 3090,00 Euro für das ganzjährige Projekt „Kostümwerkstatt Alte Schmiede“ für Kinder

Juni 2018: 650 Euro als Zuschuss für ein Theaterprojekt an der Hehlentorschule

Oktober 2018: 2000 Euro für das Autonome Frauenhaus

Oktober 2018: 2000 Euro für das Haus der Familie/Paritätischer Wohlfahrtsverband

Oktober 2018: 3000 Euro für das Hospiz für ambulante Kinder- und Jugendarbeit

Oktober 2018: 300 Euro als Einzelfallhilfe Haus der Familie

Kaufladen Celle

Blumlage 88

29221 Celle

Telefon: 0172 - 918 50 34

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag 10 bis 13 Uhr

Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr

Von Doris Hennies

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