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Celle Ortsteile Celler Kulturschiff mit musikalischem Tiefgang
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Celler Kulturschiff mit musikalischem Tiefgang
15:56 10.08.2018
Von Gunther Meinrenken
Quelle: Oliver Knoblich
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Celle

Eine so coole Location wie die MS Loretta würde man eher in einer Metropole wie Berlin vermuten? Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, so ein Projekt in Celle aus der Taufe zu heben?

Wachtendorf: Musik ist meine Passion. Nicht Musik selbst zu machen, sondern damit umzugehen. Ich komme zwar beruflich aus einer ganz anderen Richtung, aber ich habe auch schon Bands durch England oder sogar China begleitet. Die Idee, etwas in dieser Richtung zu machen, hatte ich schon länger. Ich wollte Bands eine Basis bieten, wo sie auftreten können.

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Wie habt Ihr drei zueinander gefunden?

Meißner: Wir haben uns ganz unabhängig voneinander etwa zur gleichen Zeit, so vor vier, fünf Jahren kennengelernt und haben schnell gemerkt, dass wir kulturell ähnlich ticken, auch bei Musik. Wir haben zwar nicht alle den gleichen Geschmack, aber bei der Auswahl der Bands, die bei uns spielen, haben wir fast nie unterschiedliche Meinungen.

Wachtendorf: Die Verschmelzung unserer Richtungen passt einfach gut zusammen. Die Konstellation hat sich als sehr tragbar erwiesen. Wir sind alle starke Individuen, aber das hält uns auch zusammen.

Meißner: Ja, es war ein großer Zufall und ein großes Glück. Seele, Geist und Humor...

Wachtendorf: ...es hat schon etwas sehr Familiäres.

Hoffmann: Als Arnold mir damals dann von seiner Idee erzählt hat, war ich sofort Feuer und Flamme.

Diese Idee habt Ihr in Eurem Motto zusammengefasst „Stilvoller Underground und glamouröse Subversion“. Das müsst Ihr mal erklären?

Hoffmann: Das beschreibt die Aussage „yes, we are different“. Wir schwingen zwischen Avantgarde und Untergrund, zwischen Luxus, Pomp und Revolte – und immer abseits der Massen-Popkultur und der Wegwerf-Beliebigkeit gefälliger Plastikklänge. Stil und Glamour – ja gern, aber eben dunkel, untergründig, gelassen, zuweilen anstrengend und brainy. Underground bezieht sich sowohl auf das Untergründige, Dunkle, das dem Denken, Texten und Musik Tiefe gibt, aber auch auf das Verborgene, das selbst schon subversiven Charakter hat, aber auch den Boden bereitet für Neues. Und glamouröse Subversion bezeichnet für uns jenes freudestrahlende Unterlaufen gängiger, eingefahrener und banaler musikalischer und kultureller Bahnen, die längst keine Veränderung mehr zeitigen, keine Diskussion auslösen und sich von Politik und Gesellschaft in die Wohlfühlecke des blassen Konsums zurückgezogen haben.

Warum ein Schiff?

Wachtendorf: Das ist inspiriert durch Hausboote, wie man sie etwa in Amsterdam findet. Im Internet habe ich mich dann auf die Suche gemacht. Irgendwann ist die Loretta aufgetaucht, ein Schiff mit über 100 Jahren Geschichte, ein ehemaliger Frachter, der auch schon als Clubschiff unterwegs war. Ich bin nach Kiel ge-fahren, habe mir das Schiff angeschaut und dachte, da kann man was draus machen. Mit der Sparkasse haben wir zusammen einen Weg gefunden, das Projekt umzusetzen. Wir haben die MS Loretta dann nach Celle überführt, durch den Nord-Ostseekanal, und hier im Hafen zum Kulturschiff umge-baut.

Das hört sich aufwändig an.

Wachtendorf: Ist es. Die Renovierung nimmt kein Ende. Aber es hat sich gelohnt. Die MS Loretta ist genau das, was wir wirklich wollen und was wir sind.

Aber Ausflüge auf der Aller kann man mit Euch nicht machen?

Hoffmann: Nein, solche Anfragen kamen aber auch schon. Man kann uns zwar für private Feiern buchen, aber wir liegen fest im Hafen, auch wenn die Loretta voll seetauglich ist.

Auf Eurer Homepage ist zu lesen, dass es an Bord Literatur, Philosophisches, Theater, Kunst und Feiern gibt. Der Schwerpunkt liegt aber klar bei Konzerten. Wie kommt Ihr an die Bands?

Meißner: Wir sind eine relativ raue Location, wir mögen musikalischen Tiefgang, es darf auch mal richtig laut werden, aber es dürfen auch mal leise Töne sein. Wichtig ist, dass die Lieder selbst geschrieben wurden...

Hoffmann: ...frische Musik, mit einem unverwechselbaren Klang. Mainstream gibt es bei uns nicht.

Also keine Cover-Versionen. Davon sind lokale Bands nicht gerade sehr erbaut...

Meißner: Keine Cover-Versionen oder nur zu einem minimalen Anteil. Die Leute verstehen das mittlerweile sehr gut. Warum soll ich mir denn auch Cover-Versionen anhören von Liedern, die ich schon im Original nicht gut finde. Dahinter steckt aber auch die Idee, Newcomer zu fördern, die ihr eigenes Ding machen und wir wollen unserem Publikum auch etwas bieten, wofür sie sonst woanders hinfahren müssten. Wir holen Bands hierher, die sonst nicht in Celle spielen würden.

Als Außenstehender kann man sich nicht so ohne Weiteres vorstellen, dass es junge Bands dazu treibt, in Celle aufzutreten.

Meißner: Es gibt sehr viele Musiker, die Auftrittsorte suchen. 95 Prozent der Bands, die bei uns spielen, melden sich selbst, pro Woche haben wir 15 bis 20 Anfragen. Wir müssen leider auch viele Absagen schreiben.

Wachtendorf: Es läuft sehr viel über Mundpropaganda. Viele Bands schauen nach schönen, außergewöhnlichen Spielorten. Bands, die bei uns waren, wollen gerne wiederkommen, haben uns erzählt, dass bei uns der tollste Gig ihrer Tour war. Andere kennen jemanden, der schon bei uns aufgetreten ist, haben von Freunden von der Loretta gehört.

Meißner: Und Bands die schon bekannter sind, haben auf ihren Touren immer mal einen Tag frei, wollen aber trotzdem gerne spielen und müssen ja auch irgendwo schlafen. Da passen wir als kleine Location manchmal gut dazwischen, weil wir eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit anbieten können. Wir arbeiten aber auch schon mit Agenturen zusammen, die recht schnell auf uns aufmerksam geworden sind. Wir haben Anfragen aus der Schweiz, Belgien und sogar aus Amerika.

Wie rechnet sich das für Euch? Mit 70 Besuchern seid Ihr ausverkauft und Eure Eintrittspreise sind mit maximal 12 Euro sehr zivil.

Meißner: Es ist eine Mischkalkulation...

Hoffmann: ...aber wir zahlen jeder Band auch eine Gage und es gibt was Leckeres zu essen.

Wachtendorf: Viele sind auch sehr bescheiden und überrascht, wie interessiert unser Publikum ist. Bei uns liegt die Konzentration stärker auf dem Konzert. Das gefällt den Bands.

Die meisten Besucher sind eher 35plus. Überrascht, dass nicht mehr jüngere Celler zu Euch kommen?

Wachtendorf: Wir nehmen bewusst Eintritt. Das ist für junge Leute heutzutage oft nicht mehr üblich. Das Konsumverhalten hat sich da einfach geändert. Und in Celle gibt es halt keine Studenten.

Hoffmann: Ich denke aber auch, es hat viel damit zu tun, dass eher Leute kommen, die aufgewachsen sind, als es „in“ war, nicht Mainstream zu sein. Vielleicht spricht unser Programm daher eher die Älteren an. Wobei wir auch schon Konzerte hatten, bei denen viele junge Leute waren. Es hat sich ein Kern von Stammgästen herausgebildet, wobei die auch nicht bei jedem Konzert dabei sind. Unsere Besucher kommen sogar aus Hamburg, Lüneburg oder Hannover.

Wie fällt nach drei Jahren Eure Bilanz aus?

Wachtendorf: Wir hatten auch schon Erwähnungen in Radiosendungen, Booker rufen uns an. Wir haben uns relativ schnell einen Namen gemacht. Es hat sich besser entwickelt als erwartet.

Audrey-Lynn Struck 08.08.2018
Gunther Meinrenken 07.08.2018