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Celle Ortsteile „Es gibt schönere Orte zum Leben“
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile „Es gibt schönere Orte zum Leben“
16:23 05.10.2018
Zwischen Normalität und einer gewissen Trostlosigkeit bewegt sich, wer das Nordfeld in Vorwerk langläuft. Menschen trifft man hier nur selten, dafür spielen auffällig viele Kinder auf den Grünflächen. Man hört einen Mix unterschiedlichster Sprachen, die Stille wird nur in regelmäßigen Abständen von den Zügen auf ihren Weg von Hannover nach Hamburg unterbrochen. Quelle: Birgit Stephani
Vorwerk

Es ist Freitagmorgen, halb zehn. Im Nordfeld in Vorwerk ist es noch ruhig. Das Leben scheint noch nicht wirklich erwacht zu sein. Diejenigen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, haben die Siedlung bereits verlassen und kehren erst abends wieder zurück in ihre Wohnungen. Die befinden sich durchweg in Mehrfamilienblocks. Diese markanten Wohnblocks prägen hier das Bild der Siedlung. Vor ihnen findet man Mülltonnen, die ordentlich nebeneinander aufgereiht bereitstehen.

Der Versuch, mit Anwohnern ins Gespräch zu kommen, erweist sich allerdings als schwer. Erstmal herrscht hier kein reges Treiben, und denen, denen man auf dem Weg durchs Nordfeld begegnet, nickt man höchstens freundlich zu. Lediglich Magdalena Schulz ist bereits auf den Beinen. Mit ihrem Trolli kommt sie gerade vom benachbarten Edeka-Markt und hat ihre Einkäufe erledigt. Man merkt ihr eine gewisse Skepsis an, geht man ihr entgegen. Auf die Frage, ob sie hier wohne, antwortet sie zunächst ausweichend. Doch man kommt ins Gespräch, und bei der Erklärung, weshalb man um halb zehn durch die Straße laufe, öffnet sie sich mehr und mehr. „Hier jemanden als Gesprächspartner zu finden, da werden Sie es aber schwer haben“, meint die ältere Dame. „Die sprechen vielfach kein Deutsch“, ergänzt sie und spielt damit auf den hohen Anteil ausländischer Bewohner der Siedlung an.

Magdalena Schulz selbst lebt in Vorwerk seit den 1950er Jahren, erst zusammen mit ihrem Mann, der inzwischen verstorben ist, jetzt alleine in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. „Es gibt schönere Orte zum Leben“, meint sie, „aber auch schlechtere.“ Sie habe hier eigentlich zeit ihres Lebens gewohnt, da würde es sie im Alter nicht mehr wegziehen.

Allerdings: Es sei nicht mehr das Vorwerk von damals. „Am Nordfeld zu wohnen, das sagt eigentlich für Außenstehende schon alles. Wer hier wohnt, hat nicht viel Geld zum Leben, die Miete der meisten hier zahlt vermutlich das Amt“, fügt sie hinzu, betont gleichzeitig aber auch: „Das meine ich nicht abwertend oder so, nicht, dass das falsch rüberkommt.“ Und doch wünscht sie sich durchaus ein anderes Wohnumfeld für sich selbst. „Im positiven Sinn nennt man das hier wohl Multikulti“, sagt sie und lächelt, „aber man darf dabei nicht vergessen, dass es auch ein sozialer Brennpunkt ist.“

Langsam schreitet die Zeit voran, die Anwohner erwachen nach und nach, man sieht sie auf ihren Balkonen, Kinder spielen jetzt vermehrt auf der Straße. Und Magdalena Schulz wird sich jetzt erst einmal einen Kaffee aufsetzen, die Zeitung lesen und später noch einen Spaziergang den Talweg hinunter, hin zu den Bahngleisen machen. „Ein Stück Normalität“, wie sie es nennt.

Von Birgit Stephani