Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Ortsteile In „Tsellis“ graben nur die Maulwürfe
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile In „Tsellis“ graben nur die Maulwürfe
14:28 13.06.2010
Von Michael Ende
Selbst Laien werden jetzt schon auf der potentiellen Grabungsstelle im Schatten der Getrudenkirche fündig: Scherben und Ziegelbruchstücke als Spuren mittelalterlicher Besiedlung. Quelle: nicht zugewiesen
Anzeige
Altencelle

Sachte wogt ein fast reifes Weizenfeld im Sommerwind. Mit dem nahen Maisfeld, das von Schwarzwild-Fährten durchzogen ist, hat es eins gemeinsam: Hier lag einst die um 1292 eventuell in einer Feuersbrunst versunkene Stadt „Tsellis“. Archäologen vermuten auf dem Areal nordwestlich der Getrudenkirche Reste des „Niemarktes“, einer Stadterweiterung“, zu finden. Und vielleicht das Rathaus. Die Experten platzten nach einer überraschend erfolgreichen ersten Grabungskampagne im vergangenen Jahr schier vor Spannung, wollten 2009 hier weiterforschen. Doch zur Zeit buddelt hier nur einer – und zwar genau dort, wo Archäologe Thomas Küntzel, der die Fundstätte 2008 als „wahre Schatzgrube“ bezeichnete, das Rathaus vermutet: ein Maulwurf. Der ist nicht nur fleißig, sondern hat auch ein Schaufel-Händchen für Altertümer: Er fördert Ziegelsteinbruchstücke, Tonscherben und Metallreste an die Oberfläche – und keinen scheint’s zu interessieren.

●Oberflächen-Funde: Menschen, die einen „Scherbenblick“ haben, werden hier binnen Minuten fündig: Relikte menschlicher Besiedlung hat der Pflug ans Tageslicht gefördert. Man braucht sich nur zu bücken. Eine Bruchstück einer glasierten Kachel könnte zu einem Ofen in einem reichen Haus gehört haben, eine verkrustete Metallschnalle zu einem Pferdegeschirr, das Bruchstück feiner Keramik zu einem Becher, in dem einst Wein gefunkelt hat. Ein offenes Buch für Archäologen, doch Stadt und Land haben diesen ungelesenen Wälzer zurück ins Regal gestellt.

Anzeige

●Kein Cent von der Stadt: Die Stadt Celle habe in diesem Jahr nicht vor, auch nur einen Cent in die Erforschung ihrer Vorgänger-Stadt zu investieren, heißt es aus dem Rathaus - und das, obwohl in ein paar Jahren der Mittelteil der Ostumgehung unweigerlich quer über den alten „Niemarkt“ verlaufen wird. „Wir sind in dieser Sache zurzeit nur als Vermittler tätig“, so der städtische Pressesprecher Wolfgang Fischer: „Dabei ging es um die Fläche. Sie gehört zum dritten Bauabschnitt. Heißt, dass sie sich bis zur Planfeststellung noch in Privatbesitz befindet. Wir haben mit der Eigentümerin und dem Pächter gesprochen. Die haben ihr Einverständnis erklärt, dass dort im Oktober, wenn der Mais abgeerntet ist, eine geomagnetische Prospektion durchgeführt werden kann.“ Das heißt: Der Boden wird lediglich „geröntgt“ – eine Angelegenheit von ein paar Tagen. Erst danach würde die „richtige“ Arbeit der Archäologen beginnen – doch in diesem Jahr wäre das nicht mehr möglich.

●Verwunderung: Der Celler CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Adasch wundert sich nach einem Gespräch mit Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende, dass nichts passiert: „Für die weiteren Ausgrabungen sind die Stadt Celle für einen Teilbereich und das Straßenbauamt für die Trasse der Ostumgehung zuständig. Finanzielle Mittel im Haushalt der Stadt Celle stehen nicht zur Verfügung und müssten über eine außerplanmäßige Ausgabe zur Verfügung gestellt werden. Der OB hat mir zugesagt, die Angelegenheit in seinem Hause zu thematisieren.“

●Warten auf „Startsignal“: Die Landespolitik warte auf ein „entsprechendes Startsignal“ der Stadt Celle, so Adasch: „Der zuständige Landeswissenschaftsminister Lutz Stratmann hat bei seinem Besuch vor Ort am 25. September 2008 seine Hilfe zugesagt. Voraussetzung ist jedoch, dass die Stadt Celle die organisatorische und finanzielle Basis für weitere Ausgrabungen schafft. Die Zusage der Landespolitik steht unverändert.“

●„Dumm“: Altencelles Ortsbürgermeister Otto Stumpf (CDU) hat nicht „den Eindruck, dass die Sache bei der Stadt mit Elan verfolgt“ werde: „Im Rathaus rührt sich gar nichts. Man kann nicht so tun, als gehe einen die versunkene Stadt nichts an. Sonst kommt man unter Zeitdruck, wenn gegraben werden muss. Und das wäre dumm.“

Kommentar

Celles Oberbürgermeister war da. Und war beeindruckt. Niedersachsens Wissenschaftsminister war dort. Und war beeindruckt. Ungezählte Celler Bürger waren da. Und waren fasziniert. Archäologen haben in der versunkenen Stadt „Tsellis“ gegraben und waren begeistert. Kein Wunder: Eine echte, unberührte Stadtwüstung – darauf können nur ganz wenige Kommunen im Land stolz sein.

Doch in Celle ist das anders: Anstatt eine einzigartige Gelegenheit beim Schopf zu packen, verstrickt man sich ein peinlich-ignorantes Inkompetenz-Gerangel, und unterm Strich passiert nichts. Ein Trauerspiel. Die einzigen, die eine solche Chance zu nutzen wissen, dürften diejenigen sein, die man in „Tsellis“ am liebsten nicht sehen würde: Raubgräber. Sie brauchen noch nicht einmal Metalldetektoren oder Spaten, um auf den längst bekannten Fundflächen das aufzusammeln, was im Celler Rathaus keinen zu kümmern scheint: unersetzbare Zeugnisse der Vergangenheit.

Michael Ende

Archäologie-Brache

Dorado für

Raubgräber

Ein Dorado für Raubgräber – für Archäologen in diesem Jahr tabu: Auch ohne geomagnetische Prospektion wird man in „Tsellis“ fündig: Man muss nur dort, wo Archäologen im Schatten der Gertrudenkirche den „Niemarkt“ mit dem Rathaus vermuten, hinschauen und sich bücken. Dann hält man Scherben, Metallteile und Ziegelstücke in der Hand. Auch der Maulwurf verzeichnet interessante Grabungs-Erfolge. Fotos: Ende

Erforschung von

Stadtwüstung