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Celle Ortsteile Mit dem Spendentopf von Tür zu Tür
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Mit dem Spendentopf von Tür zu Tür
14:44 13.06.2010
Benno Brandt bei der Übergabe der Spenden. Quelle: Stefan Kübler
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Wietzenbruch

Benno Brandt blickte in ernste Gesichter, als er am 23. November 1989 das Unteroffiziersheim der Hambührener Kaserne betrat. An einer Kaffeetafel waren rund 50 DDR-Flüchtlinge zusammengekommen, die nach dem Mauerfall auf dem Militärstandort aufgenommen wurden. Brandt nahm am Kopfende des Tisches neben Ortsbürgermeister Johannes-Bernhard Siewerin und Stabsfeldwebel Hans-Peter Riedel Platz. Wenig später überreichte er den Gästen kleine graue Umschläge. Sie enthielten Geld, das Brandt in seiner Nachbarschaft gesammelt hatte. Die ernsten Mienen wichen nun fassungsloser Überraschung und so mancher Freudenträne.

„Das waren alles junge Familien mit kleinen Kindern, die ungewiss in die Zukunft blickten“, sagt Brandt heute. „Als ich hörte, dass rund 200 DDR-Bürger in der Hambührener Kaserne Zuflucht gefunden hatten und praktisch nichts dabei hatten, außer ihrem Hemd am Leib, habe ich gedacht, ich muss etwas tun.“

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Spontan ging er am 10. November 1989 in seiner Nachbarschaft von Tür zu Tür und sammelte Spenden ein. Von seinem Haus in der Kopernikusstraße führte ihn seine Route durch Garnseeweg und Ententeich. Nach vier Tagen hatte er von 115 Spendern fast 2100 D-Mark bekommen.

Die meisten Menschen spendeten gerne. Bis zu 50 D-Mark gaben sie jeweils. Nur an einer Tür stieß Brandt auf Ablehnung. Eine Dame, die für das Deutsche Rote Kreuz arbeitete, alarmierte die Polizei, weil sie meinte, Spenden zu sammeln sei ihre Aufgabe. Im Grunde hatte sie Recht, denn die Sammelaktion war nicht angemeldet. So wurde Brandt wenig später von einem Beamten angesprochen, als er durch den Garnseeweg ging. Beide unterhielten sich kurz, doch Brandt durfte seinen Weg unbehelligt fortsetzen. Die DRK-Dame entschuldigte sich später.

„Es war die richtige Zeit für eine solche Aktion“, so Brandt. Fein säuberlich hat er damals jeden Spender in ein Buch eingetragen und an jeden kann er sich noch erinnern. „Da gab es eine junge Familie mit drei Kindern“, erzählt der heute 74-Jährige. „Zuerst hat die Mutter 20 Mark gespendet, danach gab jedes Kind noch zehn Mark dazu.“

Den gesammelten Betrag stockte Brandt nach Rücksprache mit seinen Nachbarn um weitere 600 D-Mark auf, die nach zwei Straßenfesten der Kopernikusstraße übrig blieben. „Das Geld war für etwas soziales gedacht und was wäre besser geeignet, als so ein Anlass“, so Brandt.

Bevor er das Geld den Familien übergab, erkundigte sich Brandt bei Riedel, dem Spieß der Kaserne, nach besonders Bedürftigen. Für sie beschriftete er die Umschläge mit den Worten „Auf zum neuen Start“ und fügte den Geldscheinen einen handgeschriebenen Brief bei. Kaffee und Kuchen wurden von den Soldaten organisiert, Bürgermeister Siewerin hielt eine Ansprache und anschließend verteilte Brandt die Umschläge.

Auf die Frage, was sie mit dem Geld kaufen wolle, antwortete eine Mutter: „Auf jeden Fall etwas für Weihnachten! Ich bin überrascht und überwältigt. In seinem roten Pulli war Benno Brandt für uns der wahre Nikolaus.“

Von Stefan Kübler