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Celle Stadt Abend zwiespältiger Eindrücke
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Abend zwiespältiger Eindrücke
12:13 16.08.2018
Während ihres Klavierabends zum 100. Todestag von Claude Debussy zauberte Julia Bartha viele Klangfarben dieser Musik hervor.Die sechs Aprèsludes des aus Celle gebürtigen Thorsten Encke (kleines Foto) wirkten dagegen an manchen Stellen wie zerfasert. Quelle: David Borghoff
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Die Stücke von Debussy wirkten enorm stark in der Spielweise Bar-thas. Sie zauberte einerseits viele Klangfarben dieser Musik hervor, andererseits aber ließ sie den Klang nie verwaschen werden. Glasklar spielte sie, legte die inneren Strukturen der Musik offen, ohne dass ihr Spiel dabei kalkuliert oder kalt gewirkt hätte. Barthas Spielweise ließ die Gegensätze der einzelnen Stücke zu einander noch klarer erscheinen, als man sie sonst oft hört. Dadurch entstand trotz der zwölf verwandten Stücke nie auch nur ein Hauch von Langeweile oder Hörmüdigkeit. Bartha spitzte diese Musik zu, setzte da mal eine kleine Pointe, ließ es dort dann aber auch mal ganz ruhig angehen, während sie an anderer Stelle mit dem Furor der Leidenschaftsmusikerin zu überzeugen wusste. Und immer ließ sie die Stücke offen im Raum stehen. Sie musizierte keine Schlüsse in den Stücken, sondern ließ sie einfach aufhören. So blieb immer eine gewisse Spannung im Raum, die dann in den ersten Tönen des nächsten Stückes aufging. Das war ein ganz starker Eindruck.

Bei den Encke-Aprèsludes war der Eindruck anders. Zunächst wirkten diese Stücke, wenn man das beurteilen kann, nach einmaligem Hören sehr zerklüftet, ohne dabei genügend Spannungspotenzial zu bieten, um die einzelnen Stücke zusammen zu halten. Und: Jedes dieser sechs Stücke wirkte für sich gehört noch nicht konzentriert genug. Permanent überfiel einen das Gefühl, dass ein gerade erzielter Ausdruck auch mit weniger Aufwand, vor allem aber in kürzerer Form, hätte erreicht werden können. So wirkten die Encke-Stücke an manchen Stellen wie zerfasert. Da halfen auch die Einführungsworte des Komponisten nur bedingt weiter. Man kam beim Hören dieser Musik immer wieder auf die Frage, wie denn diese musikalischen Ideen Enckes vom großen musikalischen Aphoristiker György Kurtag verdichtend bearbeitet worden wären. Verrückterweise allerdings wirkten genau diejenigen Passagen besonders zwingend, wo Enckes oft rätselhaft bleibende Musik ganz komplexe Momente hatte, in denen man glaubte, zwei oder drei musikalische Ebenen gleichzeitig wahrnehmen zu können. Wie weit die zwiespältigen Eindrücke von der Komposition oder von der Darbietung kommen, das kann nicht konkret beurteilt werden. An mangelnder Technik oder Musikalität der her-vorragenden Pianistin haben diese zwiespältigen Eindrücke nicht gelegen. Ein außerordentlich spannender und reizvoller Abend, der erfreulicherweise auch gut besucht war.

Von Reinald Hanke